Kill your darlings

Sie sagen, man benötigt Fingerspitzengefühl. Ich sage, man braucht vor allem Entschlossenheit.

Manchmal strecken die Sätze ihre zarten Fühler aus. Sie prüfen das Terrain, wollen wachsen und sich emporranken. Ich hacke sie ab.

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Die Wartende

Es ist nun schon einige Monate her. Trotzdem wartet sie immer noch, und an manchen Tagen ertappt sie sich dabei, dass sie nicht nur wartet, sondern regelrecht lungert. Den lieben langen Tag im Schlafanzug vor dem Computer sitzen, aktualisieren, warten, aktualisieren – das ist nicht gesund, und wenn sie sich vorstellt, jemand könne sie jetzt sehen, werden ihre Wangen heiß. Trotzdem kann sie nicht aufhören. Sie erzählt es niemandem, erfindet stattdessen Ausreden, erfindet Schnipsel eines besseren Lebens, die sie über diese verlorenen Tage klebt.

Viel zu oft hat sie seinen Namen gegooglet, nie hat sie etwas gefunden. Jetzt erst fällt ihr auf, dass sie seine Familie und Freunde nie getroffen hat. Nie bei ihm zu Hause war. Nie in seinem angeblichen Büro, wo ihn niemand kennt und wo die Angestellten sie komisch angeschaut haben, als sie nicht aufhören konnte, nachzufragen.

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Erinnerungen

Der Zug fährt über die Brücke, die Brückenpfeiler zerhacken das Sonnenlicht in Fetzen. Schmerzhaft schön und nagelneu liegt die Stadt da, dies ist ein Anfang. Eine ältere Frau auf der anderen Seite des Gangs kramt hektisch in ihrer Tasche, während sie aus dem Fenster guckt. Schließlich holt sie eine Digitalkamera hervor, hebt sie mehrmals suchend in Richtung Fenster, mustert das Display und lässt die Kamera jedes Mal wieder sinken. Irgendwie scheint sie ihre Wahrnehmung der Bilder, die draußen an ihr vorbeiprasseln, nicht mit dem körnigen Abbild auf der alten Digitalkamera in Einklang bringen zu können. Irgendwie gibt sie immer wieder auf. Sie wollte etwas aus diesem Moment mitnehmen, aber es funktioniert nicht.

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Habseligkeiten

Viel ist es nicht. Unschlüssig betrachtet sie die Dinge, die vor ihr auf dem Bett liegen. Kleider, Schuhe, ein paar Bücher, ein Schmuckkästchen, ein Laptop. Die anderen Sachen hat alle er gekauft. In ihrem Kopf spielen Fetzen eines vor langer Zeit gehörten Lieds. Ein Laptop, eine ranzige Matratze/ wie peinlich/ wahrscheinlich/ weint ihr manchmal heimlich. Natürlich weint sie heimlich. Alle weinen nur noch heimlich. Offiziell weinen können heutzutage nur die Menschen, von denen alle wissen, dass sie bloß so tun. Im Fernsehen darf man weinen, oder zu Hause, im Dunkeln, aber nicht auf der Straße. Auf keinen Fall draußen auf der Straße.

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