Herzlich willkommen

Hallo. Komm doch ein bisschen näher, ich kann sonst so schlecht hören, was du sagst. Nicht, dass mich das interessieren würde. Aber es ist ein klasse Vorwand. Na komm, setz dich neben mich. Deine Tasche brauchst du gar nicht zwischen uns zu stellen wie einen Schild. Die packen wir hier zur Seite. Ja, Schatz, so ist es gut.

Dass ich dich „Schatz“ nenne, hat eigentlich keinen besonderen Grund, abgesehen von der Tatsache, dass du eine Frau bist. Und Networking besteht für Frauen immer noch zur Hälfte daraus, sich anfassen zu lassen und unpassende Kosenamen zu überhören. Das müsstest du ja inzwischen wissen. Wie lange bist du jetzt dabei? Oh, okay. Also noch nicht so lange. Ja, es gibt jetzt allmählich immer mehr Frauen in unserer Branche, und eigentlich finde ich das sogar ganz gut. Also ich nehme gerne Frauen zu Terminen mit, die haben nochmal ganz andere Möglichkeiten, jemanden zu überzeugen. Wenn du verstehst, was ich meine. Haha. Manchmal bin ich echt witzig.

Also, das läuft jetzt folgendermaßen: Ich rede ganz normal weiter, als ob nichts wäre, und fasse dich dabei ein bisschen an. Und weil du höflich bist und mir nicht ins Wort fallen willst, sagst du nichts, und ich fasse dich noch mehr an. Und wenn du irgendwann die Höflichkeit beiseitelässt und sagst: So geht es nicht, lache ich dich aus. Denn: Eben hat es dir doch noch gefallen! Nein, Spaß, es hat dir natürlich nicht gefallen, das weiß ich auch. Haha, das ist lustig.

Eigentlich finde ich dich gar nicht besonders hübsch. Junges Fräulein, du könntest wirklich mehr aus dir machen. Ich belästige dich aus reiner Gewohnheit; da es hier so wenig Frauen gibt, kann selbst ich es mir nicht leisten, wählerisch zu sein. Es gibt also keinen Grund, sich geschmeichelt zu fühlen. Es geht hier nicht um dich. Es geht darum, dass ich alt und wichtig bin und du jung und unwichtig.

Und wenn ich Lust dazu habe, dich meine Macht so richtig spüren zu lassen, sage ich irgendwann: „Das war ein netter Abend. Vielleicht sieht man sich mal wieder.“ Und du sagst dann, weil du weißt, dass du es ohnehin nicht vermeiden kannst, mir über den Weg zu laufen: „Ja, bestimmt.“ Und dann lächle ich herablassend und beuge mich zu dir hinüber und sage: „Aber du weißt, dass das alles rein geschäftlich ist, ja? Nicht, dass du dir noch Hoffnungen machst!“

img_09191Oh, ich bin so witzig. Aber du wirst nicht lachen, sondern auf deine Beine starren, wo immer noch meine feuchtwarme Hand liegt, und wirst weiter trinken und essen und reden, denn das ist die Art, wie es hier zu laufen hat.

Herzlich willkommen in meiner Welt,
ich fasse dich an, denn deine Firma kriegt mein Geld.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ach, das ist wirklich amüsant. Ich bin richtig gut drauf heute. Und der Abend hat ja gerade erst begonnen! Da kann noch Einiges passieren.

Dieser Text entstand als Beitrag zum Projekt *.txt von Dominik Leitner. Schreibimpuls war das Wort „Schatz“.

Bei meinem Auftritt beim Poesie Salon am 6. Oktober in der Mathilde Bar habe ich diesen Text und zwei kurze Geschichten vorgetragen. Hier geht es zu einem Ton-Mitschnitt vom Poesie Salon.

Advertisements

2 Gedanken zu “Herzlich willkommen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s