Buch-Date: „Orlando – A Biography“ von Virginia Woolf

Im Rahmen der Aktion „Buch-Date“ habe ich „Orlando – A Biography“ von Virginia Woolf gelesen. Der Roman ist eine fiktive Biografie von Orlando, einem jungen Adligen, der Gedichte schreibt. Auf rätselhafte Weise verwandelt Orlando sich in eine Frau, wird über 300 Jahre alt und erlebt die erstaunlichsten Abenteuer. Ein mutiges und wichtiges Buch, aber nicht mein neues Lieblingsbuch.

Die Grundidee, eine Figur zu erschaffen, die sich über Geschlechtergrenzen und Epochen hinwegsetzt, ist natürlich genial. Dadurch, dass Orlando alle Grenzen überschreitet, gehört die Figur nie wirklich irgendwo dazu, denn Erfahrungen, die keiner nachvollziehen kann, schaffen Distanz. Diese Distanz ermöglicht es auch, dass Orlando die unterschiedlichen Epochen und (Geschlechter-)Rollen kritisch hinterfragt, was teilweise unterhaltsam ist – und mir beim Lesen immer wieder deutlich vor Augen geführt hat, wie viel von dem, was wir heute als selbstverständlich hinnehmen, sozial konstruiert ist und einem Poeten aus einer anderen Epoche sicherlich auch Anlass zu kritischen Bemerkungen geben würde.

Der Schreibstil hat etwas Fließendes, Hypnotisches, was mich anfangs in das Buch hineingezogen hat. Mit der Zeit kam mir aber gerade dieses Fließende immer einschläfernder vor, und im letzten Drittel musste ich häufig ganze Absätze erneut lesen, weil ich mehr auf die Melodie als auf den Inhalt geachtet habe. Die Sätze sind relativ lang und enthalten viele Aufzählungen, das Wetter ist immer irgendwie und die Natur, die Kleidung und die Räumlichkeiten werden mit einer Liebe zum Detail geschildert, von der ich irgendwann genug hatte.

Soon he had covered ten pages and more with poetry. He was fluent, evidently, but he was abstract. Vice, Crime, Misery were the personages of his drama; there were Kings and Queens of impossible territories; horrid plots confounded them; noble sentiments suffused them; there was never a word said as he himself would have said it, but all was turned with a fluency and sweetness which, considering his age – he was not yet seventeen – and that the sixteenth century had still some years of its course to run, were remarkable enough. (Orlando, Virginia Woolf)

Es gibt andere Klassiker, aus deren Lektüre ich persönlich mehr mitnehmen konnte, z.B. Jane Eyre. Nichtsdestotrotz war es eine interessante Erfahrung, das stellenweise doch etwas schwer zugängliche Buch zu Ende zu lesen. Ohne die Aktion „Buch-Date“ hätte ich es vielleicht nicht unbedingt durchgezogen. Nun fühle ich mich zumindest etwas gebildeter als vorher.

Zur Aktion „Buch-Date“

Zeilenende und Wortgeflumselkritzelkram haben die Aktion „Buch-Date“ initiiert: Jeweils zwei Blogger wurden einander als „Date-Partner“ zugeteilt und haben einander gegenseitig Bücher empfohlen. Ich habe drei Buchtipps von Tausend bekommen, aus denen ich „Orlando“ ausgewählt hatte. Im Gegenzug habe ich versucht, drei Bücher zu nennen, die Tausend gefallen könnten. Leider habe ich dabei ziemlich daneben gelegen: Tausend hat „Kaltenburg“ von Marcel Beyer  gelesen, ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat – sie fand es aber zu konstruiert und gekünstelt. Das zeigt wieder einmal, wie unterschiedlich Geschmäcker sind. Ich hoffe, Tausend lässt sich davon nicht abschrecken und ist trotzdem beim nächsten Buch-Date wieder dabei…

 

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6 Gedanken zu “Buch-Date: „Orlando – A Biography“ von Virginia Woolf

    1. Danke für deinen Kommentar! Ja, manchmal ist es so eine Sache mit den Klassikern – natürlich weiß ich um ihre Bedeutung, aber das hilft auch nicht, wenn mir zwischendurch die Augen zufallen 😉 Zum Glück gibt es ja auch etliche spannende Klassiker…

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  1. Wir haben vielleicht ein Talent uns Bücher zu empfehlen! 😀 Ist auch nicht einfach, wenn man sich nicht wirklich kennt, sondern nur ein paar Eckdaten weiß. Ich fand die Aktion trotzdem toll und ich bin auf jeden Fall wieder mit dabei.

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    1. Dann bin ich ja beruhigt… Ja, es ist nicht leicht, sich gegenseitig Empfehlungen zu geben – der eigene Geschmack spielt mit hinein, und dann hat man so wenig Anhaltspunkte… Vielleicht klappt es beim nächsten Mal besser 🙂

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