Die Wartende

Es ist nun schon einige Monate her. Trotzdem wartet sie immer noch, und an manchen Tagen ertappt sie sich dabei, dass sie nicht nur wartet, sondern regelrecht lungert. Den lieben langen Tag im Schlafanzug vor dem Computer sitzen, aktualisieren, warten, aktualisieren – das ist nicht gesund, und wenn sie sich vorstellt, jemand könne sie jetzt sehen, werden ihre Wangen heiß. Trotzdem kann sie nicht aufhören. Sie erzählt es niemandem, erfindet stattdessen Ausreden, erfindet Schnipsel eines besseren Lebens, die sie über diese verlorenen Tage klebt.

Viel zu oft hat sie seinen Namen gegooglet, nie hat sie etwas gefunden. Jetzt erst fällt ihr auf, dass sie seine Familie und Freunde nie getroffen hat. Nie bei ihm zu Hause war. Nie in seinem angeblichen Büro, wo ihn niemand kennt und wo die Angestellten sie komisch angeschaut haben, als sie nicht aufhören konnte, nachzufragen.

„Ghosting“ nennt man sein Verhalten, sagt das Internet. Sie hat sich viele Artikel zu dem Phänomen durchgelesen, und ja, im Nachhinein passt alles. Im Nachhinein deutet alles darauf hin, dass der Mann von Anfang an vorhatte, genau so mühelos aus ihrem Leben zu verschwinden, wie er sich hineingeschummelt hatte. Im Nachhinein helfen solche scheiß Artikel ihr kein bisschen weiter. In einem der Texte liest sie die Unterstellung, dass nur Verzweifelte, die kein intaktes Sozialleben hätten, die offensichtlichen Alarmsignale übersehen könnten, die einem klassischen Ghosting-Fall vorausgehen. Sie regt sich fürchterlich auf und schreibt einen erbosten Leserbrief an die neunmalklugen Journalistinnen, die sich solche Urteile anmaßen. „Schön für Sie, wenn Sie mit einer Checkliste in eine neue Liebe gehen“, schreibt sie. „Ich tue das nicht.“ Der Leserbrief wird nie gedruckt.

Jeden Sonntag versucht sie, ihn anzurufen, und weint dann lange in seine Mailbox. Immer noch wünscht sie sich eine Antwort, etwas, das ihr hilft, mit der ganzen Angelegenheit abzuschließen. Es kommt einfach nichts.


Für ihn ist sie ein Name auf einer Liste. Auf seiner privaten Liste, die er hegt und pflegt. Inzwischen stehen mehr Namen auf dieser Liste, als er anfangs für möglich gehalten hätte. Wenn sich nicht in ihm drin schon seit langer Zeit alles so merkwürdig tot anfühlen würde, empfände er vielleicht Genugtuung darüber, wie sie ihm nachlaufen. Wie sie letzten Endes doch alle gleich sind.

Es ist wieder einmal Sonntag, wieder einmal ruft sie ihn an, und dieses Mal hebt er den Hörer ab. Mucksmäuschenstill lauscht er einige Atemzüge lang dem Schluchzen. Dann legt er auf.

Dieser Text entstand als Beitrag zum Projekt *.txt von Dominik Leitner. Schreibimpuls war das Wort „mucksmäuschenstill“.

Advertisements

2 Gedanken zu “Die Wartende

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s