Hinreißende Jubiläumsausgabe: „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë

Jane Eyre“ gehört zu den Klassikern, die mir wirklich am Herzen liegen. Als ich zehn Jahre alt war, las ich das Buch zum ersten Mal und verstand noch nicht alles, fand es aber unglaublich spannend. Als Teenager las ich es erneut und nahm daraus den Gedanken mit, dass Fleiß und harte Arbeit sich auszahlen, und dass es irgendwann egal ist, wo man herkommt, und nur noch zählt, wo man hinwill. Seitdem habe ich es im Abstand von ein paar Jahren immer wieder gelesen, dabei jedes Mal neue Entdeckungen gemacht und 2011 die neue Verfilmung im Kino gesehen. Mein vergilbes Taschenbuch fiel allmählich auseinander, darum freute ich mich sehr, als ich die prachtvolle Jubiläumsausgabe* entdeckte, die zum 200. Geburtstag der Autorin im Manesse Verlag erschienen ist.

Die zeitlose Geschichte einer Heldin

Der Roman erzählt die Geschichte des Waisenkinds Jane Eyre, das bei herzlosen Verwandten aufwächst, auf ein strenges Internat kommt und schließlich als Gouvernante bei dem geheimnisvollen Mr. Rochester nicht nur Lob und Anerkennung, sondern auch ein Zuhause und Liebe findet. Aber dann muss Jane entdecken, dass ein gefährliches Geheimnis Mr. Rochester umgibt…

Jane wird von Anfang an als sympathische Außenseiterin dargestellt. Bei ihrer strengen Tante und den ruppigen Ziehgeschwistern gilt sie wegen ihrer empfindsamen Art als weinerlich und verstockt. Sie versucht, sich unsichtbar zu machen, vergräbt sich in Büchern und wird trotzdem immer wieder auf unfaire Weise in Auseinandersetzungen hineingezogen. Als sie ins Internat kommt, muss sie ebenfalls Entbehrungen und Demütigungen ertragen. Dass sie gegen Ungerechtigkeiten protestiert und ihre Meinung sagt, kommt nicht gut an. Jane Eyre ist als eine Ich-Erzählerin angelegt ist, die sich nicht viel rechtfertigt und sich nicht über andere erhebt, und gerade deswegen ergreift man als Leser so gerne Partei für sie. Wie wohltuend ist es da, zu lesen, wie sich die Verhältnisse im Internat schließlich bessern und wie die bescheidene Jane erstaunt bemerkt, dass ihre Leistungen und ihr klarer Verstand endlich gewürdigt werden.

Bei Mr. Rochester wird Jane dann schließlich nicht nur anerkannt, sondern auch herausgefordert. Ihre schlagfertigen Antworten zu lesen, ist wirklich ein Vergnügen. Vor allem, wenn man bedenkt, wie ausgefallen es für die damalige Zeit war, so etwas zu schreiben – eine Frau, und dann noch nicht einmal eine richtige Dame, sondern eine Person, die gezwungen ist, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten, wagt es, dem Hausherrn zu widersprechen! Und sie wird dafür nicht einmal bestraft, sondern belohnt, denn Mr. Rochester findet merklich Gefallen an der widerspenstigen Gouvernante…

Die unvermeidlichen Komplikationen (auf die ich hier nicht im Detail eingehen werde, um eventuellen Erstlesern nicht die Spannung zu verderben) fand ich beim ersten Lesen aufregend, inzwischen denke ich an einigen Stellen: Och nö, Charlotte Brontë, musste das echt sein? Das sind ein bisschen viele Zufälle, und ein paar „Requisiten“, die man aus etlichen Romanen ihrer Zeit kennt. Aber so haben Autoren damals eben gearbeitet.

Wenn man das ganze Drumherum weglässt, geht es in „Jane Eyre“ um eine Frau, die ihren Weg geht. Die ihre Ziele ehrgeizig verfolgt und sich von Hindernissen und Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn werfen lässt. Und das ist es, was mich bis heute an diesem Buch fasziniert.

Eine gelungene Übersetzung

Normalerweise lese ich englische Bücher lieber im Original; als ich Jane Eyre das erste Mal gelesen habe, konnte ich aber noch nicht genug Englisch, und darum spricht Jane für mich bis heute Deutsch. Es wäre merkwürdig, das Buch jetzt plötzlich in einer anderen Sprache zu lesen. In diesem Fall ist das aber auch kein Nachteil, denn die deutsche Übersetzung von Andrea Ott ist wirklich gelungen. Da gibt es keine schiefen Bilder, keine hinkenden Vergleiche und keine Konstruktionen, denen man anmerken würde, dass sie eigentlich aus dem Englischen stammen. Das ganze Buch ist ein gelungenes Mosaik aus vollkommenen Sätzen.

„Und was bedeutet ihre feierliche Tiefe? Wer hat Ihnen beigebracht, den Wind zu malen? Durch diesen Himmel, über diesen Gipfel fegt ein wilder Sturm.“ Mr. Rochester, Jane Eyre, S. 153

Hochwertige Ausstattung

Auch, wenn bei Büchern vor allem die inneren Werte zählen sollten: Was für ein schönes Buch! Ich kann mich gar nicht daran sattsehen. Der Schutzumschlag, der Einband und das Lesebändchen passen wunderbar zusammen und tragen zu einem sehr hochwertigen Gesamteindruck bei. Ich bin ziemlich begeistert. Mit dieser Jubiläumsausgabe hat sich der Manesse Verlag – den ich vorher, ehrlich gesagt, gar nicht so auf dem Zettel hatte – schlagartig in die Top Ten meiner Lieblingsverlage katapultiert.

*Wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Advertisements

2 Gedanken zu “Hinreißende Jubiläumsausgabe: „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s