Wahrscheinlichkeiten

Wahrscheinlichkeiten beruhigen ihn nicht im Geringsten. Seine Mutter hat oft zu ihm gesagt, in 99 Prozent der Fälle geht alles gut. Schön. Das heißt aber, es gibt unter hundert Leuten eine arme Sau, der etwas passiert. Und warum soll nicht er diese arme Sau sein. Er war es oft genug.

Darum trägt er diese Angst in sich. Eigentlich haben ja alle Angst, aber die meisten verbergen es besser als er. Als er noch gearbeitet hat, konnte er manchmal auf dem Weg ins Büro mehrere Züge nicht nehmen, weil sie zur falschen Uhrzeit kamen oder weil die Leute im Abteil nicht vertrauenswürdig aussahen. Inzwischen bleibt er meistens zu Hause.

Manchmal möchte er am liebsten alles kaputtmachen. Alles zum Einsturz bringen; das Ende, was sowieso kommen wird, vorwegnehmen, weil er die Angst davor nicht mehr erträgt. Aber dann denkt er an die Frau, die bald nach Hause kommen wird, und lässt es erstmal. Nicht heute, denkt er.

Dass es eine Frau in seinem Leben gibt, überrascht ihn immer noch, und auch wenn sie selten da ist und er, wenn sie da ist, wenig richtig machen kann, fühlt es sich doch gut an, sie zu kennen.

Seit sie bei ihm ist, weiß er, dass sie nicht bleiben wird. Jede zweite Ehe wird geschieden, und sie sind ja nicht einmal verheiratet. Warum sollte sie bleiben. Warum sollte gerade er zu den wenigen Glücklichen gehören, denen das vergönnt ist. Er erwartet nichts.

Als es dann soweit ist, tut es trotzdem weh. Sie kommt nicht nach Hause, vor der Tür liegt ein Brief, den er nicht lesen kann, weil die Buchstaben vor seinen Augen verschwimmen. Er weiß ohnehin, was drinsteht. Er wusste es ja von Anfang an.

Am Wochenende kommen zwei fremde Männer und holen ihre Sachen ab. Er hört absichtlich nicht zu, als sie sich ihm vorstellen, damit er wenigstens nicht weiß, welcher davon ihr neuer Mann ist. Einer von den beiden ist es, aber er kann ja schlecht jemanden erschlagen, wenn eine 50:50-Chance besteht, dass er den falschen trifft.

Als die Männer gehen, fühlt er, wie etwas in seinem Inneren reißt. Er will eine Axt nehmen und alles zu Kleinholz machen, das Haus anzünden, sich selber anzünden, will verbrennen und zu Asche werden, aber dann geht er einfach nur zum Kühlschrank und holt sich ein Bier. Jetzt ist alles vorbei. Er kann mitten am Tag trinken. Niemand rümpft mehr die Nase. Niemand guckt mehr. Jetzt hat er

Narrenfreiheit.

Dieser Text entstand als Beitrag zum Projekt *.txt von Dominik Leitner. Als Schreibimpuls diente das Wort „Narrenfreiheit“.

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