Enttäuschend: „Die Vermissten“ von Caroline Eriksson

Eine Frau macht mit Mann und Kind eine Bootstour. Sie fahren zu einer kleinen Insel inmitten eines Sees. Die Frau bleibt im Boot sitzen, der Mann und die Tochter wollen einen Erkundungsspaziergang über die Insel machen. Sie kehren nicht zurück. Verzweifelt sucht die Frau die Insel ab, findet niemanden. Ein anderes Boot hat sie nicht gehört, eine Brücke zum Festland gibt es nicht. Wo sind die beiden?

– So lautet die Ausgangsfrage in „Die Vermissten“ von Caroline Eriksson. Enorm spannend, wie ich fand, und mir war mal wieder nach Spannung. Außerdem hatte irgendwer das Buch mit „Gone Girl“ von Gillian Flynn verglichen, was ich – wie alle Bücher von Gillian Flynn – verschlungen habe. Darum glaubte ich, mit diesem neuen Psychothriller aus dem Penguin Verlag genau richtig zu liegen. Leider erwies es sich als ärgerlicher Fehlkauf.

Der Anfang, der als Leseprobe einer Zeitschrift beilag, hat mich sehr neugierig gemacht. Die Leseprobe endete mit dem Verschwinden des Mannes und des Kindes. Es ist (trotz des bestenfalls durchschnittlich zu nennenden Schreibstils) einer dieser spannenden Anfänge, bei denen man denkt: Wow. Okay. Ich bin gespannt, wie die Autorin das am Ende auflösen will… Die Antwort ist in diesem Fall leider: Nicht besonders elegant.

Ich werde hier nicht spoilern, denn wenn ich das Ende verraten würde, wäre damit auch der letzte Grund, dieses Buch zu lesen, beseitigt. Nur so viel: Es ist wirklich unglaublich plump, und so ziemlich jede andere Auflösung (einschließlich einer Entführung durch Aliens!) hätte mich mehr überzeugt.

Bis zur hanebüchenen Auflösung mäandriert das Buch freudlos und handlungsarm dahin. Mehr als die Hälfte des Buches dauert es, bis die Protagonistin endlich mal zur Polizei geht und das Verschwinden von Mann und Kind meldet. Bis dahin geht es die ganze Zeit so „Oooooh, Panik, bestimmt ist was ganz Schlimmes passiert, ich sollte jetzt wirklich zur Polizei gehen. Ach, da ist ja die Kuscheldecke von meinem verschwundenen kleinen Mädchen. Hmmm, die riecht aber gut nach Babyshampoo. Was wollte ich jetzt nochmal machen? Am besten trinke ich erstmal ein Glas Wein. Oh, jetzt ist mir schlecht. Jetzt bin ich müde. Als ich wieder aufwache, fällt mir alles wieder ein. Die beiden sind weg – oh Gott, ich sollte dringend zur Polizei fahren. Aber erst muss ich mich übergeben. Und auf einmal klingelt mein Handy. Wo wollte ich jetzt eigentlich hinfahren? Es war irgendwas Wichtiges…“

Über ein paar Seiten hinweg kann man das ja meinetwegen so machen, und klar, es mag ja sein, dass die Hauptfigur unter Schock steht, aber irgendwann nervt es nur noch, als Leser so hingehalten zu werden. Außerdem vermutete ich aufgrund dieser Verzögerungstechnik recht bald, dass der Besuch auf der Polizeiwache – sofern die Protagonistin ihn irgendwann in diesem Leben noch auf die Reihe kriegen würde – wohl den Plot-Twist bzw. den armseligen Versuch eines solchen bilden würde, und so war es dann leider auch.

Dann gab es noch eine Nebenhandlung mit einer „geheimnisvollen“ Bande von Jugendlichen aus dem nächsten Dorf (die aber eher unfreiwillig komisch als gruselig wirkte) und einen Mutter-Tochter-Konflikt, beides wurde erst aufgebauscht und dann eher halbherzig verfolgt. Zwischenzeitlich hatte ich etwas das Gefühl, dass die Autorin sich nicht ganz entscheiden kann, wessen Geschichte sie eigentlich erzählen will – kein Wunder bei so blassen Figuren.

Ein paar weitere Zutaten, die ich inzwischen echt nicht mehr lesen kann:

  • Nebenfigur X, die ja auch erst dreimal unauffällig erwähnt und detailliert beschrieben wurde, obwohl sie keine besondere Bedeutung hatte, ist rein zufällig gleichzeitig die mysteriöse Figur Y, die man bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hat! Na sowas! Da bin ich platt!
  • Die sexuelle Untreue eines Mannes, die in maximaler Ungeschicklichkeit ausgelebt wird, ist für den Plot erforderlich (hier sogar 2x der Fall!)
  • „Mindestens zwei Verrückte wissen, wo ich mich befinde; dieses Haus bietet keinerlei Schutz und ich bin ganz alleine, weit und breit keiner, der mir helfen könnte – na, das beste wird sein, ich lege mich erstmal aufs Ohr und schlafe ein bisschen, ich bin sehr erschöpft!“ – Grrrrr! Spätestens bei so einer Situation fiebere ich nicht mehr mit der Figur mit, sondern denke: „Ja, Mädchen, dann musst du jetzt sterben, selber schuld!“
  • Ständig wird das unlogische Verhalten der Figuren gerechtfertigt. „Ooooh, ich konnte nicht einfach [simple Lösung des Problems herbeiführen], weil ich solche Angst hatte, dass [extrem abwegige Komplikation] eintritt!“ … „Am liebsten hätte ich… aber ich sah keine andere Lösung, als…“ Die laberigen Begründungen legen für mich den Schluss nahe, dass das die Punkte sind, an denen die Autorin ihren Figuren selber nicht glaubt. Aber dann muss man das irgendwie anders lösen…

Fazit

Aus meiner Sicht ist der Vergleich mit „Gone Girl“ unangemessen. „Die Vermissten“ ist müde und vorhersehbar, die Auflösung der eigentlich vielversprechenden Ausgangssituation gerät plump. Von mir gibt es daher keine Leseempfehlung für diesen Psychothriller.

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