Ein bisschen Twilight für Arme: „Dem Horizont so nah“ von Jessica Koch

Ich finde es immer wieder interessant, erfolgreiche Bücher zu lesen und zu überlegen, was diese Bücher so beliebt macht. Über einen Thread in der Autorenwelt wurde ich auf den Roman „Dem Horizont so nah“ von Jessica Koch aufmerksam, der sehr viele positive Kundenrezensionen auf Amazon erhalten hat. Als ich dann noch las, dass der Rowohlt-Verlag eine Neuauflage herausgebracht hat, war mein Interesse geweckt.

(Anmerkung/Spoilerwarnung: Im Folgenden nenne ich einige Details zu dem Buch, die nicht aus dem Klappentext zu entnehmen sind. Wer sich überraschen lassen will, sollte daher nicht weiterlesen.)

IMG_1008

Inhalt

Titel, Covergestaltung und Klappentext deuten eher auf Chick-lit hin, der Inhalt geht dann doch in eine andere Richtung: Die 17-jährige Erzählerin (die nach Angaben von Verlag und Autorin identisch mit der Autorin Jessica Koch sein soll) lernt im Herbst 1999 auf einem Jahrmarkt den attraktiven Amerikaner Danijel, genannt Danny, kennen. Obwohl Danny Jessica mehrmals davor warnt, sich auf ihn einzulassen, werden die beiden ein Paar. Doch sein Verhalten gibt ihr Rätsel auf. Wie sich herausstellt, ist er als Kind von seinem Vater sexuell missbraucht worden, weswegen er schwer traumatisiert ist und keine Berührungen zulassen kann. Außerdem hat der Vater ihn mit dem HI-Virus angesteckt. Danny lebt mit seiner besten Freundin Tina zusammen, die ebenfalls Missbrauchsopfer ist und in der Vergangenheit drogenabhängig war. Als Tina rückfällig wird, verschlechtert sich Dannys Gesundheitszustand rapide.

Eine ersehnte Transformation

Erfolgreiche Bücher berühren häufig eine sehr mächtige Sehnsucht vieler Menschen. In diesem Fall ist es wohl die Sehnsucht, als eher durchschnittlicher Mensch jemand ganz Besonderen kennenzulernen, von ihm auserwählt zu werden und durch diese Partnerschaft selbst zu etwas Höherem transformiert zu werden. Es ist also ein bisschen wie Twilight, nur mit HIV.

Genau wie Bella in Twilight ist die Protagonistin anfangs das „ganz normale, tollpatschige Mädchen von nebenan“, das nie damit gerechnet hätte, von einem dermaßen schönen, selbstbewussten und reichen Mann auserwählt zu werden. Den Mann umgibt aber ein Geheimnis, das er selber als Makel wahrnimmt. Beim Vampir Edward sind es seine übernatürlichen Kräfte und sein Blutdurst, bei Danny sein Trauma und seine HIV-Infektion. Interessant finde ich, dass Blut in beiden Fällen eine wichtige Rolle spielt. So ist dann auch Danny ganz außer sich und macht sich Sorgen, als Jessica sich verletzt und er sieht, dass sie blutet. (Ähnlich wie bei Twilight, wo Bellas Verletzungen mehrfach zu Konflikten führen.) „Ohne mich wärst du sicherer, ohne mich wärst du besser dran“, ist das Fazit, das beide männlichen Figuren ziehen.

Ebenfalls auffällig: Auch hier haben wir – wie in der Twilight-Reihe und in „Seelen“, einem weiteren Roman von Stephenie Meyer – einen attraktiven Mann, der sich aufgrund äußerer Umstände (übernatürliche Kräfte, Alien-Apokalypse, oder in diesem Fall halt HIV) für Enthaltsamkeit entschieden hat und von der Frau erst mühsam „überzeugt“ werden muss, mit ihr Geschlechtsverkehr auszuüben. Die Beliebtheit der Werke legt nahe, dass das eine Vorstellung ist, die vielen Frauen gefällt.

Die Protagonistin lernt durch ihren neuen Partner eine fremde Welt kennen, von der sie bisher keine Vorstellung hatte. Um als Mittlerin zwischen den Welten und Ansprechpartnerin zu dienen, wird ihr eine weibliche Figur zur Seite gestellt: Dannys beste Freundin Tina, die in dieser Hinsicht eine ähnliche Funktion einnimmt wie Alice in der Twilight-Welt. Beide werden als sehr attraktiv dargestellt und pflegen eine enge emotionale und auch körperliche Beziehung zu dem Mann, hegen aber nur freundschaftliche Gefühle für ihn. Beide haben in der Vergangenheit Schlimmes erlebt, sind heute grundgute Menschen und stehen der neuen Beziehung des Mannes von Anfang an positiv gegenüber. Und beide sind das passende Gegenüber für die jeweilige Protagonistin, um Vermutungen über den Mann zur Diskussion zu stellen, sich immer wieder dessen emotionale Involviertheit versichern zu lassen und allgemein einen Teil der Kommunikation, der in der Beziehung nicht stattfindet, „outzusourcen“. Auf diese Weise kann der Mann Mann bleiben; die emotionale Versorgung seiner neuen Partnerin wird von der Freundin mit übernommen.

Schließlich kommt es zur ersehnten Transformation: Die Heldin wird aus ihrem Durchschnittsleben herausgehoben und zu etwas Besonderem gemacht. In Bellas Fall ist diese Transformation auch eine körperliche, weil sie in einen Vampir verwandelt wird. Die Heldin von „Dem Horizont so nah“ erlebt dagegen eine emotionale Transformation:

Ich bin unheimlich froh und dankbar, Danny kennengelernt zu haben. Er hat mich davor bewahrt, im Einheitsbrei der Menschenmassen unterzugehen. Ich werde immer anders sein, mit offenen Augen durchs Leben gehen, frei von Vorurteilen und Rasterdenken, in der Lage, gegen den Strom zu schwimmen. Niemals werde ich das Offensichtliche sehen, sondern stets versuchen, hinter die Fassade zu blicken. Die Zeit mit Danny hat mich geprägt für mein gesamtes Leben. („Dem Horizont so nah“, Epilog)

Ein Etikettenschwindel?

Natürlich ist eine tragische Geschichte über Missbrauch, Traumata, Drogenkonsum und die Folgen einer HIV-Infektion nicht das, womit man rechnet, wenn man Titel und Cover des Buches betrachtet. Einige Leserinnen klagten daher in ihren Amazon-Rezensionen darüber, dass die Erwartungen, die sie an das (vermeintliche) Genre des Buches stellen, nicht erfüllt wurden. Einerseits verständlich, denn die Genre-Schubladen dienen ja genau dazu, Enttäuschungen beim Leser zu vermeiden. Andererseits: Wenn sich nie irgendjemand über Genregrenzen hinwegsetzt, gibt es keine Weiterentwicklung. Für das Thema Missbrauch hätte ich dennoch eine Triggerwarnung angemessen gefunden, wie ich sie in der Rowohlt-Taschenbuchausgabe des zweiten Teils, „Dem Abgrund so nah„, entdeckt habe. Im E-Book des Feuerwerke-Verlags vom ersten Teil fehlte eine solche Warnung.

Fakt oder Fiktion?

In Bewertungen auf Amazon und auf Facebook wurde zeitweilig die Authentizität der Geschichte in Frage gestellt, was zu Diskussionen zwischen Fans und Kritikern geführt hat. Ich persönlich glaube auch nicht, dass sich die Geschichte genauso abgespielt haben kann, wie sie im Buch geschildert wird. Aber sollte man das der Autorin vorhalten? Und ist das wirklich die ärgste Baustelle dieses Buches?

Das Spiel mit Fakt und Fiktion und speziell das Kokettieren mit vermeintlicher Autorenschaft oder Nicht-Autorenschaft hat in der Literatur eine lange Tradition. Besonders für die sogenannte Herausgeberfiktion gibt es viele bekannte Beispiele. Daniel Defoe schrieb zum Beispiel in der Einleitung von Robinson Crusoe, er sei lediglich der Herausgeber des Werkes, verfasst worden sei es als autobiografisches Werk von Robinson Crusoe selbst. E.T.A. Hoffmann fungiert in den Lebens-Ansichten des Katers Murr als fiktiver Herausgeber, der die fragmentarischen Aufzeichnungen des Katers und des Kapellmeisters zusammenbringt. Auch fiktive Autobiografien gibt es etliche; ein bekanntes Beispiel ist Jane Eyre.

Ob etwas wirklich exakt so passiert ist oder nicht, sollte kein Qualitätskriterium für Romane sein. Auch nicht für solche, die das Etikett „Autobiografie“ oder „Nach einer wahren Geschichte“ tragen. Es ist ja sogar wünschenswert, dass Handlungsstränge gestrafft oder modifiziert werden, um sie dramatisch zuzuspitzen – denn nicht alles, was im wirklichen Leben passiert, ist auch lesenswert (und umgekehrt). In einem Interview, das im Januar 2016 auf dem Autoren_Netzwerk erschienen ist, hat die Autorin im Übrigen selber gesagt: „Autobiografisch würde ich es [=das Werk] nicht nennen. Es ist ein Roman, der auf wahren Tatsachen beruht. Eine Autobiografie ist meist langweilig, das kann man von meinem Buch nicht behaupten.

Was mich aber bei der Lektüre angestrengt und genervt hat, waren die häufigen Versuche, die Erzählerin und jede kleine Einzelheit der Handlung zu authentifizieren. Für meinen Geschmack wurden logistische Details dabei zu breit thematisiert; wer wann mit wessen Auto wohin gefahren ist, warum sie welches Geld nicht bekommen hat, wer was bezahlt hat usw. interessiert mich grundsätzlich nicht, sei es nun in einem fiktionalen oder einem als faktual präsentierten Buch.

Brüche in der Perspektive

Ebenfalls als unpassend habe ich die Passagen wahrgenommen, in denen andere Personen als personaler Erzähler auftreten (zum Beispiel die Arzthelferin, die Frau bei der Beratungsstelle für HIV-Infizierte oder der Streifenpolizist). Diesen Bruch der Perspektive empfinde ich als nicht konsequent. Eine authentisch präsentierte autobiografische Ich-Erzählerin dürfte die Innenwelt einer anderen Person ja gar nicht in dieser Detailliertheit kennen. Hinzu kommt, dass die Gedankengänge der Figuren in diesen Passagen besonders klischeehaft anmuten.

Problematischer Umgang mit Missbrauch

Die Art, wie die Erzählerin und die anderen Figuren mit dem Thema Missbrauch und den resultierenden psychischen Problemen umgehen, finde ich schwierig. Danny, der nicht angefasst werden will, muss sich nach und nach „überwinden“; die Erzählerin überredet ihn außerdem, sein Elternhaus zu besuchen, und geht mit ihm – ohne therapeutische Begleitung – in das Zimmer, in dem sein Vater ihn vergewaltigt hat. Hinterher sagt sie „Lief doch super.“ Tina berichtet der Erzählerin – ebenfalls ohne therapeutische Vorbereitung oder Begleitung – während eines Kampfsport-Events detailliert von ihren traumatischen Erfahrungen. Insgesamt herrschte der Tenor vor, dass Laien Betroffene mit sanfter Gewalt dazu bringen sollten, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, und dass bestimmte Symptome in Eigenregie zu bewältigen sind, indem man sich den Situationen wieder und wieder aussetzt. Hier hätte ich mir eine kritische Einordnung des geschilderten Verhaltens aus einer heutigen Perspektive gewünscht.

Fazit

„Dem Horizont so nah“ weist aus meiner Sicht Schwächen auf, was die Perspektive, den Schreibstil und die Botschaft angeht. Die Beschäftigung mit dem Roman als Phänomen war für mich dennoch aufschlussreich und unterhaltsam.

 

Advertisements

3 Gedanken zu “Ein bisschen Twilight für Arme: „Dem Horizont so nah“ von Jessica Koch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s