Mutig und rätselhaft: „Wie Ihr wollt“ von Inger-Maria Mahlke

Wie Ihr wollt“ ist ein fesselnder, ungewöhnlich gestalteter historischer Roman, der im letzten Jahr auf der Shortlist zum Buchpreis stand. Er spielt im Jahr 1571: Die kleinwüchsige Mary Grey steht unter Hausarrest. Sie ist bei der Herrscherin Elizabeth I., mit der sie verwandt ist, in Ungnade gefallen, hat fast ihre gesamte Familie verloren und ist nun auf sich allein gestellt.

Mary und ihre Schwestern Jane und Katherine sind königlichen Bluts und werden deswegen vom herrschenden Zweig der königlichen Familie argwöhnisch beäugt. Nicht um ihrer selbst willen sind sie wichtig, sondern weil sie eines Tages vermählt werden und einen potenziellen Thronerben, eine „Wahrscheinlichkeit“ gebären könnten. „Der blasse Cousin“, Edward VI, ist ihnen wohlgesonnen und bestimmt Jane zu seiner Erbin. Mary Grey muss miterleben, wie ihre Schwester erst unter großem Jubel als Königin gekrönt und wenig später hingerichtet wird. „Die liebe Cousine“, Mary I, und „die nicht ganz so liebe Cousine“, die anschließend nacheinander den Thron besteigen, sind auf der Hut: Von den beiden überlebenden Grey-Schwestern soll keine heiraten und eine „Wahrscheinlichkeit“ gebären können. Doch Katherine heiratet ohne Erlaubnis und bekommt zwei Söhne. Sie wird dafür vom Hof verbannt und unter Arrest gestellt. Ihre Kinder werden ihr weggenommen, sie hört auf zu essen und stirbt schließlich.

Mary Grey lernt bei Hofe Thomas Keyes kennen. Da sie aufgrund ihrer Kleinwüchsigkeit nicht als vollwertige Frau wahrgenommen wird und der Mann von niedrigem Stand ist, hofft sie, mit dieser Ehe durchzukommen. Sie glaubt, dass ihr ohnehin niemand zutraut, ein Kind zu bekommen, und selbst wenn, wäre das Kind wegen ihrer nicht standesgemäßen Partnerwahl keine „Wahrscheinlichkeit“. Doch die Herrscherin reagiert nach den Erfahrungen mit den anderen beiden Grey-Schwestern hysterisch und trennt das Paar voneinander. Beide werden an unterschiedlichen Orten unter Arrest gestellt, weil Elizabeth I nicht riskieren will, dass ein Kind aus dieser Verbindung hervorgehen könnte. Auch als Keyes stirbt, wird der Hausarrest für Mary Grey nicht aufgehoben.

Chronistin der Machtspiele

Obwohl sie das Zimmer nicht verlassen darf und – abgesehen von ihrer Dienerin Ellen – kaum Kontakt zu anderen Menschen hat, schafft Mary Grey sich Freiräume: Heimlich schreibt sie eine Chronik, in der sie die Ereignisse aus ihrer Sicht festhält.

Die Unterlagen sind trocken, die Worte lesbar, nur ein wenig verwischt. Jeder Strich hat einen grauen Schweif, als hätte er versucht, vom Papier zu fliehen, und dabei Schleifspuren hinterlassen. (…) Zwei Mal habe ich begonnen, in Chequers. Dachte, es könnte helfen, aufzuschreiben. Dachte, die Sätze würden aufhören, einander zu jagen, während Ellen am Fußende des Bettes so tief und gleichmäßig atmete, als gäbe es keine Sätze. Die sich auf die vorherigen stürzen, sich ineinander verknäulen, bis ich sie sortiert habe, dann hielten sie still, ordentlich aufgereiht. (…) Wollte sie einhegen auf dem Papier, mit dunkler Tinte zu abgegrenzten Buchstaben. Worten. Sätzen, die stumm von links nach rechts daliegen, reglos und gut verwahrt. Wusste nicht, wie ich anfangen sollte. Weiß es immer noch nicht. (S. 9-10)

Ihre Notizen sind sperrig und fragmentarisch, immer wieder hadert sie mit dem Geschriebenen und probiert neue Formen aus. Manches liest sich wie eine Spielanleitung, manches wie ein Kochrezept, manches wie ein Theaterstück. Einige dieser Experimente sind reizvoll gestaltet und inhaltlich aufschlussreich, andere werfen Fragen auf.

Das Wer-ist-schnell-genug-beiseite-Spiel

Es werden benötigt:
1 seinen Einfluss auf den dreizehnjährigen König überschätzender jüngerer Onkel desselben
1 Graf von Dorset
8 Mitglieder des Rates für die Verhöre
1 Trumpf
(…)
Ziel des Spiels ist: schnell genug beiseite zu sein, damit die Axt nur den schmalen Nacken des jüngeren Sexmour spaltet. (S. 79)

Die Handlung wird konsequent aus Sicht der Protagonistin wiedergegeben. Ich-Erzähler vermitteln ja meist eine subjektive, begrenzte Sicht der Dinge; dies trifft für die Erzählerin in „Wie Ihr wollt“ umso mehr zu, weil ihr Erfahrungshorizont in räumlicher und sozialer Hinsicht eingeschränkt ist.
Meine mangelhafte historische Bildung (und die Tatsache, dass im Ausleihexemplar der Hamburger Bücherhalle der Stammbaum zu Beginn des Buches teilweise überklebt war) sorgte dafür, dass mir die historischen Ereignisse nicht immer klar vor Augen standen, aber gerade das machte die Lektüre auch spannend. Die Lebensumstände der Protagonistin zeigen beispielhaft, welche Ausmaße die Angst vor Konkurrenz und der Kampf um die Gunst der Herrscher damals annahmen.

Motten zum Licht, heißt es. (…) Ganz selten fällt mal eine aus der Kerzenflamme auf den Tisch. Motten denken nicht: ich nicht. Motten denken nicht: Ich hab zugesehen, beobachtet, die Unzähligen vor mir. Ich habe Erkenntnisse gewonnen, ich werde nicht fehlen. Nicht zu eitel sein oder in falsche Sicherheit gewiegt, nicht voreilig, ich weiß, wie es richtig geht. Die Zeichen, bei den anderen habe ich sie rechtzeitig erkannt, ich kann sie lesen, wie keiner vor mir, entziffere jedes Kompliment, jede Geste, Ernennung, Höflichkeit. Alles ist gut, denken sie, kurz bevor es geschieht, und verstehen nicht, dass Alles-ist-gut-Denken das entscheidende Zeichen war. (S. 103)

Es sind große Fragen, denen sich dieser Roman nähert. Was kann ich bewirken, was kann ich hinterlassen, auch wenn meine realen Handlungsspielräume begrenzt sind? Den etwas bemüht wirkenden Versuch, auf dem Klappentext einen aktuellen Bezug zu den „sozialen Netzwerken“ zu konstruieren, hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht, denn die Themen des Romans sind ohnehin zeitlos.

Fazit

Klare Leseempfehlung, auch für Leute, die mit historischen Romanen sonst nicht viel anfangen können. Ein wichtiger Zeitabschnitt wird hier auf ungewöhnliche Weise dargestellt. Ähnlich wie bei Motel Terminal, wo der Bewegungsradius der Hauptfigur ebenfalls auf ein einziges Zimmer eingeschränkt ist, hatte ich auch hier beim Lesen leichte Anflüge von Klaustrophobie – ich denke, das zeigt, dass die Begrenztheit der Situation treffend dargestellt wird.

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