Es plätschert so nett: „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ von Dana Grigorcea

Dieses Buch hat mich stellenweise gefesselt, unterhalten, sprachlich immer wieder entzückt und am Ende doch etwas ratlos zurückgelassen. „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ handelt von der Bankangestellten Victoria, die nach einem Banküberfall beurlaubt wird. Sie lässt sich – räumlich und gedanklich – durch Bukarest treiben und gerät dabei an Orte und Menschen, die Erinnerungen in ihr wachrufen.

Farbige Anekdoten

Fast nichts ist in diesem Buch zu unwahrscheinlich, um erzählt zu werden. Relativ zu Beginn des Buches erinnert sich die Ich-Erzählerin zum Beispiel an eine Begebenheit aus ihrer Kindheit, nämlich an die Geschichte eines Nachbarn, der heimlich einige Tage bei seiner Geliebten im Erdgeschoss verbringen will: Er erzählt seiner Frau, er werde auf Geschäftsreise gehen, packt sein Köfferchen – und latscht, nachdem er abends den Müll der Nebenbuhlerin rausgebracht hat, versehentlich mit dem falschen Mülleimer zurück zu seiner Frau, die ihn daraufhin tötet und in der (richtigen) Mülltonne entsorgt. Das hört sich zunächst einmal etwas überdreht und unglaubwürdig an, aber es wird so charmant formuliert, dass die Plausibilität des Ganzen einen Moment lang gar keine Rolle spielt.

„Diese Geschichte ist eine Geschichte“, zitiert die Erzählerin anschließend den Freund ihrer Eltern und sät damit Zweifel an der farbigen Schilderung. Was kindliche Wahrnehmung ist, was Gerücht und was nachträgliche Konstruktion, bleibt in diesem Buch häufig unklar. Im Strom der Erinnerungen findet das eine gleichberechtigt neben dem anderen statt. Beim Lesen steht man vor der Herausforderung, die einzelnen Fragmente für sich zusammenzusetzen und zu entscheiden, was davon wichtig für die Handlung sein könnte. Eine Aufgabe, an der ich hin und wieder gescheitert bin.

Skurrile Charaktere

Eine große Stärke des Buches ist die Vielfalt an originellen Figuren. Mal davon abgesehen, dass etliche interessante Berufe erwähnt werden, die hier und heute unüblich sind (meine Favoriten: „Remailleuse“ und „Kaltmamsell“) – einige Figuren haben auch sehr eigenartige Marotten. Zu fast jeder auftretenden Figur werden Gewohnheiten oder frühere Erlebnisse geschildert, teilweise recht detailliert – auch in dieser Hinsicht war es mitunter nicht ganz einfach, zu unterscheiden, was wichtig und was unwichtig ist. Die Interaktion der Figuren und die Dialoge waren dafür kurzweilig und unterhaltsam.

„Ich erzähle es dir, damit du es weißt“, sagt meine Mutter, und ihre kratzige Raucherstimme hat einen bitteren Unterton, birgt den leisen Vorwurf, dass ich noch nicht weiß, was sie mir nun erzählen muss. (S. 173)

Ich weiß nie, was ich erzählen soll, wenn Mutter zuhört. Fast habe ich den Eindruck, dass sie mich zum Erzählen auffordert, um mir meine Einfallslosigkeit vorzuführen, die ihrer festen Überzeugung nach meiner Generation, der sogennanten (sic!) Übergangsgeneration, grundsätzlich eigen ist. (S. 179)

Wozu das Ganze?

Auch wenn das Buch viele schöne Einfälle und gelungene Formulierungen enthält, war mir auf der inhaltlichen Ebene unklar, wohin die Reise gehen sollte. Anfänglich dachte ich, es würde vielleicht irgendwann der Bankraub aufgeklärt werden, aber das geschah nicht (oder wenn doch, habe ich es nicht verstanden). Im Klappentext wird angekündigt, dass der Freund der Protagonistin ihr einen Heiratsantrag macht – eine Weile dachte ich, dass dies ein wichtiger Moment sei könnte, auf den die Handlung zusteuert, aber der Antrag wird nur gegen Ende sehr beiläufig erwähnt und steht nicht im Zusammenhang mit der restlichen Handlung. Ein bisschen Generationenkonflikt steckt auch in einigen Szenen, aber das bleibt sehr unterschwellig und wird nicht weitergeführt. Irgendwie fehlte mir ein übergreifender Handlungsstrang oder eine Entwicklung. Die Erzählerin lässt den Leser zwar an all ihren Erinnerungen, Beobachtungen und Emotionen teilhaben, aber was sie daraus für Schlüsse zieht, bleibt unklar. Dadurch haben die aneinandergereihten Schilderungen, so nett sie sprachlich auch gestaltet sind, eine gewisse Beliebigkeit. Ständig rammelnde schwarze Hunde, gesprächige Kinder, alte Leute mit auffälligen Gesichtszügen, tote Pferde, die in Flussbetten verwesen. Ständig Zeitsprünge, Leute, die auftreten und wieder verschwinden. Irgendwann wird es etwas ermüdend.

Fazit

Auch wenn ein übergreifender Handlungsstrang nicht vorhanden (oder für mich zu clever versteckt) ist, habe ich das Buch gerne gelesen. Es enthält schöne Sätze und einige der enthaltenen Anekdoten sind in sich interessant. Falls irgendjemand verstanden hat, wie das alles zusammenhängen sollte, würde mich das interessieren. Ansonsten finde ich die Bezeichnung „Roman“ hier etwas irreführend. Insgesamt erinnerte mich das Buch an ein hübsches, munter dahinplätscherndes Bächlein, das stellenweise sogar ordentlich in Fahrt kommt und mitreißende Passagen hat, dann aber irgendwo versickert.

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