Verstörend, aber fesselnd: „Motel Terminal“ von Andrea Fischer Schulthess

2016-06-14 08.57.41Aus manchen Büchern wache ich erst nach Tagen wieder auf, und selbst dann bleibt eine seltsame Glocke aus Eindrücken und Stimmungen zurück, die ich nur schwer abschütteln kann. „Motel Terminal“ ist so ein Buch.

Eine Kindheit in Gefangenschaft

Die zwölfjährige Meret lebt seit ihrer Geburt in einem heruntergekommenen Motel – und hat das Gebäude noch nie verlassen. Den größten Teil ihres Lebens war sie in einer kleinen Kammer eingesperrt. Zu ihrem Schutz, erklärt ihre Mutter. Denn draußen lauern böse Menschen, die Kinder stehlen. Die Mutter und Tante Julie sind die einzigen Menschen, denen Meret jemals persönlich begegnet ist. Ansonsten hat sie nur ihren Hamster Elvis. Immer wenn Elvis stirbt, bekommt Meret von ihrer Mutter einen neuen mitgebracht. Am liebsten hätte sie einen Hund, aber das geht nicht, weil man mit einem Hund täglich rausgehen müsste, und nach draußen darf Meret nicht…

Nora, die Mutter, vermittelt den Eindruck, sie wäre in diese Situation irgendwie hineingeraten, aber das stimmt natürlich nicht. Ein Teil von ihr hat Entscheidungen getroffen. Als minderjährige Mutter hatte sie Angst, ihr könne das Kind weggenommen werden, und hielt es deswegen versteckt. Doch nun ist sie nicht mehr minderjährig, und das Kind ist groß, eigentlich zu groß für so ein kleines Verlies. Mit einem Stundenplan schreibt Nora ihrem Kind vor, was wann zu tun ist, um es beschäftigt zu halten. Für unangenehme Fragen bekommt es die „Nadelstrafe“. Aber das ändert nichts daran, dass das Kind neugierig ist und Fragen stellt. Immer wieder verspricht Nora Meret, sie freizulassen, mit ihr „unter den offenen Himmel“ zu treten, nie löst sie das Versprechen ein.

Früher hatte das Geheimnis, das nur sie, Meret und Julie teilten, sie ausgefüllt. Die Gewissheit, das Richtige zu tun, hatte ihre Schritte gelenkt. Doch seit ein paar Monaten flimmerte es im Kern dieser Ruhe. Das Geheimnis lag in ihr wie ein schlaffer Schlauch mit einem Leck. Ein Teil von ihr hatte schon seit Anbeginn der Zeitrechnung, seit Merets Geburt also, gewusst, dass sie nie mit ihr unter den freien Himmel treten würde. Dieser Teil hatte das nie gewollt und würde es nie wollen. Damit hatte sie fast dreizehn Jahre lang gut gelebt. Doch nun breitete sich dieses Wissen in ihr aus wie ein Pilz, der sich unbemerkt in ihr niedergelassen hatte und nun seine unsichtbaren Fäden in sie trieb, immer tiefer und tiefer.
Motel Terminal, S. 49

Trotz des bedrückenden Themas hat mich das Buch sehr gefesselt und durchaus auch unterhalten. Die kindliche Sichtweise der Protagonistin wirkt ungekünstelt und ergreifend. Die Begrenztheit ihrer Lebenssituation spricht aus jeder Zeile, sodass man beim Lesen wirklich Platzangst bekommen kann. Trotzdem ist der Roman nicht nur düster und tragisch. Die Autorin findet auffallende, poetische Metaphern für alltägliche Sachverhalte. An vielen Stellen schimmern Situationskomik und ein unaufgeregter Humor durch. Familiäre und regionale Hintergründe werden mit skurrilen Details geschmückt.

Mütterliche Macht

Auch die praktische Umsetzung der Gefangenschaft wird recht detailreich erklärt – Meret bekommt z.B. nur abgepacktes Essen und darf nie herumtoben, weil sie krank werden oder sich verletzen könnte, und es für die Mutter undenkbar ist, sie einem Arzt vorzustellen. Wenn ihre Mutter oder die Tante die Kammer betreten, desinfizieren sie sich vorher die Hände. Das Fenster ist mit Sichtschutzfolie verklebt. Es wird sogar aufgeklärt, wen die Frauen wann unter welchem Vorwand die Toilette und die Dusche in Merets Zimmer einbauen ließen.
Diese Details hätte es für meinen Geschmack nicht unbedingt gebraucht – sie machen zwar die Handlung plausibler, aber für mich war bei der Lektüre weniger die konkrete Handlung entscheidend als vielmehr die Metapher, die ich darin zu sehen glaubte. Denn: abgepacktes Essen, versperrtes Kämmerlein und ein vorgeschriebener Stundenplan sind nur die sichtbaren Symptome. Auf eine weniger sichtbare Weise waren wir alle mal Gefangene unserer Mütter. Mütter entscheiden, was ihre Kinder zu essen bekommen, wo sie sich aufhalten, mit wem sie Kontakt haben und wie sie ihre Zeit verbringen. Mutterschaft bedeutet Macht – und überall, wo Macht ausgeübt wird, gibt es auch Machtmissbrauch. Einen extremen Fall von Machtmissbrauch beschreibt „Motel Terminal“ auf eindrückliche Weise. Im wirklichen Leben gibt es jedoch viele Fälle, die nicht eindeutig einzuordnen sind, und mütterliche Macht in all ihren Facetten ist leider immer noch ein Tabuthema. Umso wichtiger ist es, dass Romane wie dieser geschrieben und gelesen werden.

Fazit

Obwohl ich beim Lesen teilweise klaustrophobische Anwandlungen hatte und meiner Meinung nach zum Ende hin nicht jede Wendung notwendig gewesen wäre, kann ich euch die Lektüre dieses toll geschriebenen Romans nur ans Herz legen. Es sei denn, ihr leidet an Klaustrophobie. Dann nicht.

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2 Gedanken zu “Verstörend, aber fesselnd: „Motel Terminal“ von Andrea Fischer Schulthess

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