Ekrü, nicht Weiß

Ole spürt, wie ihm der Schweiß am Körper herunterläuft. Wie Nacktschnecken kriechen Rinnsale an seinem Rücken hinab, unter seinen Armen hervor und an den Beinen hinunter. Mit Sicherheit hat er bereits mehr ausgeschwitzt, als er heute Morgen getrunken hat. Ihm ist ein wenig schwummerig.
Er tut so, als würde er sich strecken wollen, und wirft dabei beiläufig einen Blick auf die Uhr. Sabine merkt es trotzdem und sieht ihn strafend an. Seit eineinhalb Stunden stehen sie nun in diesem schäbigen Treppenhaus. Und irgendwie hat sie es wieder einmal so hingedreht, dass er an allem schuld ist. Dabei hatte er ja eigentlich schon ein Hemd. Aber das war falsch. „Das ist ja weiß! Du solltest doch ein Hemd in Ekrü kaufen!“ Ekrü, genau, das war das Wort, auf das er sich nicht hatte besinnen können, als er vor der Verkäuferin stand und sagte: „Meine Frau hat ein Kleid in… in…“, etwas hilflos, bis sie ihm schließlich ein weißes Hemd vorführte und er es kaufte. Aber Weiß ist falsch, Ekrü wäre richtig gewesen, und weil er sich mit diesem Fehlkauf offenbar völlig disqualifiziert hat, ist Sabine heute Morgen zu dem Schluss gekommen, dass man ihn alleine nicht losschicken könne. Und nun stehen sie seit eineinhalb Stunden in diesem Treppenhaus des „kompetentesten Herrenausstatters der Stadt“ und schwitzen. Bereits vor einer Stunde hat er vorsichtig angemerkt, dass er jetzt gerne ein Eis essen oder an einen Badesee fahren oder irgendetwas anderes machen würde, und dass man den Hemdkauf doch sicher bei einer anderen Gelegenheit, vielleicht werktags, bei kühlerem Wetter, weitaus komfortabler erledigen könne. Aber nein. Sabine bestand darauf, dass sie es heute hinter sich bringen mussten.Trotz der Tatsache, dass es ihre eigene Entscheidung gewesen ist, weiter zu warten, scheint sie ihm die Schuld an ihrem Zustand zu geben und leidet demonstrativ vor sich hin. Mal fächelt sie sich mit einem Prospekt Luft zu, mal pustet sie sich mit vorgeschobener Unterlippe ins Gesicht, mal schnauft sie deutlich hörbar. Unterbrochen werden diese Darbietungen nur von strafende Blicken in seine Richtung.Ole schaut nach unten und nach oben. Den Eingang kann er schon längst nicht mehr sehen. Nach oben scheint das Treppenhaus endlos weiterzugehen. Er hat kein Ziel vor Augen. Einem Schild kann er entnehmen, dass sich die Hochzeitsabteilung im vierten Stock befindet. Aber wie viele Stockwerke haben sie bisher hinter sich gelassen? Er denkt an eine Erzählung von Kafka, deren Titel ihm nicht einfällt, an Türen, die verschlossen bleiben, an staubige Treppenhäuser in Prag. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.Wer sind all die anderen Männer, die fahl und schwitzend mit ihm im Treppenhaus stehen? Eine Armee der Unzufriedenen, der Geknechteten. Niemand möchte hier sein, da ist er sich ganz sicher, kein gesunder Mensch würde freiwillig bei diesem Wetter stundenlang in einer Schlange stehen, und doch beugen sie ihre Häupter und reihen sich ein, den Frauen zuliebe. Die nie zufrieden sein werden. »Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.« 

So sei das nun mal, wenn man sich nicht rechtzeitig kümmere, sagt Sabine gerade, es sei Hochzeitssaison, und wenn er frühzeitig das richtige Hemd gekauft hätte, in Ekrü, nicht in Weiß, dann müssten sie jetzt nicht bei der Hitze stundenlang für ein einziges scheiß Hemd anstehen.

Eigentlich weiß er, dass sie nicht die Richtige ist. Irgendwo ganz tief drinnen weiß er das. Die richtige Frau würde ihn nicht zwingen, bei diesem Wetter stundenlang in so einem überfüllten, stickigen Treppenhaus zu warten.

Weiß ist nicht gleich Weiß, sagt Sabine gerade, und während erste Sterne beginnen, vor seinen Augen zu tanzen, erfährt Ole, dass es unzählige verschiedene Arten von Weiß gibt; neben Ekrü, was er inzwischen kennt, wären da noch Snow, Ivory, Champagne, Papyrus, Honey, Rum, Blush, Peach, Platinum, Ice…

Das Treppenhaus wankt. Ole greift nach einem der abgenutzten hölzernen Handläufe. Vor seinen Augen blitzen alle Arten von Weiß gleichzeitig auf, als er fällt.

Dieser Text entstand als Beitrag zum Projekt *.txt von Dominik Leitner. Schreibimpuls war das Wort „weiß“.
Enthält Zitate aus der Erzählung „Vor dem Gesetz“ von Franz Kafka.

Update: Ich habe meinen Text „Ekrü, nicht weiß“ am 6. Oktober 2016 im Poesie Salon in der Mathilde Bar vorgetragen. Ein Tonzusammenschnitt zum Reinhören ist hier zu finden.

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