Habseligkeiten

Viel ist es nicht. Unschlüssig betrachtet sie die Dinge, die vor ihr auf dem Bett liegen. Kleider, Schuhe, ein paar Bücher, ein Schmuckkästchen, ein Laptop. Die anderen Sachen hat alle er gekauft. In ihrem Kopf spielen Fetzen eines vor langer Zeit gehörten Lieds. Ein Laptop, eine ranzige Matratze/ wie peinlich/ wahrscheinlich/ weint ihr manchmal heimlich. Natürlich weint sie heimlich. Alle weinen nur noch heimlich. Offiziell weinen können heutzutage nur die Menschen, von denen alle wissen, dass sie bloß so tun. Im Fernsehen darf man weinen, oder zu Hause, im Dunkeln, aber nicht auf der Straße. Auf keinen Fall draußen auf der Straße.

Sie geht noch einmal durch alle Zimmer und fasst mit zärtlichen Händen Gegenstände an, die sie jahrelang begleitet haben. Nichts davon gehört ihr. Danach packt sie ihre Habseligkeiten in zwei Koffer.

Wer nach zehn Jahren geht, sollte etwas anderes fühlen als das Bedauern, eine schöne Vase zurücklassen zu müssen, aber als sie in sich hineinhorcht, ist da eigentlich nichts Bestimmtes. Sie wirft einen letzten Blick zurück. Sind die Fenster alle geschlossen? Dann verlässt sie die Wohnung.

Der Schmerz trifft sie erst, als sie auf der Straße ist. Schutzlos läuft sie umher, den Kopf gesenkt, die Augen weit aufgerissen, damit sie nicht überschwappen. Sie rempelt andere Menschen an, strauchelt immer wieder und setzt sich schließlich auf den Koffer, um das Gesicht in den Händen vergraben zu können. Jetzt ist ohnehin alles egal.

Dieser Text entstand als Beitrag zum Projekt *.txt von Dominik Leitner.

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