Trübe Aussichten

Jeden Tag steht er auf und geht zur Arbeit, jeden Tag wartet er darauf, dass etwas passiert, aber es passiert nie etwas. Er wartet und wartet, und irgendwann ist der Tag vorbei und er geht wieder nach Hause. Die Menschen machen mit ihren Mündern Laute und er lässt die Laute an sich vorbeirauschen und macht „hm, hm, ja“, damit sind sie zufrieden. Alle sind mit ihm zufrieden. Alle sind ihm egal. Ihre Gesichter sind für ihn nur runde Flächen, die sich bewegen, mit einem Loch in der Mitte, aus dem die Geräusche kommen.

Er hat erst vor vier Monaten mit der Ausbildung angefangen, und das bedeutet, er muss noch 388 Mal morgens aufstehen und zur Arbeit gehen. Das sind trübe Aussichten. Er versucht, nicht zu oft daran zu denken. Trotzdem weiß er immer, wie viele Tage es noch sind. Die Zahl schwebt abends über ihm, wenn er am Computer sein Raumschiff fliegt und ein Bier trinkt und dann noch ein Bier trinkt und noch eines und noch ein letztes, bis irgendwann seine Augen ganz klein werden vor lauter Müdigkeit und seine Finger salzig und klebrig werden. Er weiß, dass die Zeit langsamer vergeht, wenn man zu häufig auf die Uhr schaut, und dass es klüger wäre, nicht jeden Tag daran zu denken, wie viele Tage er noch vor sich hat, aber er kann nicht damit aufhören. Später im Bett fahren dann seine Gedanken immer weiter ohne ihn im Kreis. Er hat manchmal den Eindruck, überhaupt nicht zu schlafen. Eines Nachts hat er bei der Notfallseelsorge angerufen und die Frau am Telefon hat ihm gesagt, er solle doch nach der Arbeit noch etwas Schönes unternehmen, mit Freunden ausgehen und sich nett unterhalten zum Beispiel. Aber er kennt niemanden, und eigentlich weiß er auch nicht so genau, was er sagen könnte. Was soll er anderen Menschen schon erzählen? „Ich stehe jeden Tag auf und gehe zur Arbeit, und ich warte jeden Tag darauf, dass etwas passiert, aber es passiert nie etwas.“ Eben.

Ohne die Arbeit wäre er frei und könnte alles machen, was er will, sagt sein Bruder. Ohne die Arbeit würde er wahrscheinlich überhaupt nicht mehr aus dem Haus gehen, sagt seine Mutter. Welcher Satz stimmt, weiß niemand.

Nach Feierabend schlendert er durch die Straßen, die Luft ist schon ganz weich und frühlingshaft, er läuft einfach an seiner Wohnung vorbei, obwohl drinnen das Raumschiff und das Bier warten. Läuft immer weiter bis zum Badesee und knöpft sich im Gehen das Hemd auf, wirft die Schuhe weg. Einen Moment lang sitzt er am Ufer im Sand und fühlt sich fast wie neu. Dann fallen die ersten Tropfen. Er blickt zum Himmel auf. Es ist plötzlich trüb geworden.

Dieser Text entstand als Beitrag zum Projekt *.txt von Dominik Leitner.

 

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