10 Gründe, ein Buch nach 10 Seiten wegzulegen

Aus Neugier nahm ich neulich in der Bücherhalle einen Roman mit, der mir aus verschiedenen Richtungen wärmstens empfohlen worden war und zudem auf einem überlebensgroßen Plakat meinen Weg zur Arbeit säumte. An meinem heutigen Urlaubstag gelüstete es mich nach leichter Unterhaltung und ich holte das Buch hervor. Schon auf den ersten zehn Seiten fand ich aber zehn Gründe, nicht weiterzulesen:

  1. Das Buch beginnt damit, dass betont wird, es sei „ein ganz normaler Tag wie jeder andere“. Als Kenner gängiger Erzählkonventionen ist man daraufhin natürlich gespannt wie ein Flitzebogen.
  2. Jemand schaut in den Spiegel und findet das, was er oder sie dort sieht, „gar nicht so schlecht“. Schmerz! Fremdscham! Noch schlimmer: Ein Spiegel wird benutzt, um die Figur zu beschreiben („Sie strich sich eine Strähne ihres blablafarbenen Haares aus dem blabla Gesicht und musterte kritisch ihre blablabla Augen, die sie zur Feier des Tages mit blabla betont hatte.“) Hinter dem Protagonisten müsste sich in solchen Szenen eigentlich auch noch der Autor spiegeln, dessen Präsenz und Absicht bei diesen Schilderungen leider allzu auffällig ist.
  3. Spiegel
    Auf den ersten zehn Seiten des Romans fanden sich eindeutig zu viele Spiegel, und immer waren im Spiegel schöne Frauen zu sehen – nie eine einsam von der Decke baumelnde Glühbirne oder ein ungemachtes Bett (nicht im Bild)

    Jemand redet mit seinem Spiegelbild. Noch schlimmer: Jemand schimpft mit seinem Spiegelbild: „Also wirklich, Emma, schalt ich mein Spiegelbild, während vor meinem geistigen Auge eine ganze Reihe äußerst unanständiger und detailgetreuer Bilder vorbeizogen. Das ging jetzt wirklich zu weit!“ Ahahahahaha.

  4. Erwähnung eines „geheimnisvollen Fremden“.
  5. Licht bricht sich hell im Stein eines Verlobungsringes. Was wiederum der Spiegel reflektiert.
  6. Jemand will von einem gutaussehenden „Barmann“ (vermutlich ein Mann, der oft in bar bezahlt – als Berufsbezeichnung kenne ich nur „Barkeeper“…) offensichtlich „mehr als bloß eine Runde Daiquiris“. Huiuiui.
  7. Irgendwer ist eingehüllt in eine „Wolke Chanel Nr. 5“ oder einen anderen schon rauf- und runtergenudelten Duft.
  8. Die Damentoilette als Zufluchtsort.
  9. Verwendung des Wortes „Sandkastenliebe“.
  10. Mehrere Frauen betrachten sich gemeinsam im Spiegelbild. Sie lächeln sich im Spiegel an. Es folgt ein Exkurs über die Beziehung der Frauen zueinander.

An dieser Stelle habe ich die Lektüre beendet. Und jetzt dürft ihr gerne mal raten, von welchem Buch hier die Rede ist – zehn Hinweise auf den ersten zehn Seiten, das Rätsel sollte zu lösen sein!

Was sind für euch Gründe, ein Buch nicht zu Ende zu lesen? Welche Formulierungen und Inhalte schrecken euch ab? Oder lest ihr aus Prinzip jedes Buch bis zum bitteren Ende, auch wenn es euch nicht gefällt?

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7 Gedanken zu “10 Gründe, ein Buch nach 10 Seiten wegzulegen

  1. Bei Punkt 2 musste ich an meiner völligen Hass-Formulierungen denken – „und legte noch etwas mehr Lippenstift auf“. Ob nun Lippenstift, Lidschatten oder sonstiges Make-up, mit der Formulierung ist es vorbei. Das hat „Solange am Himmel Sterne stehen“ auf den ersten zehn Seiten das Genick gebrochen.
    Und sonst alle Sätze, die man schon tausend mal gelesen hat, Witze, die jeder seit Jahren kennt und Klischees, die man auch schon viel zu lange ertragen muss. Was auch Selbstkritik vorm Spiegel und Sandkastenlieben umfasst.

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    1. Oh ja, „legte noch etwas mehr irgendwas auf“, ganz schrecklich. Gerne gefolgt von „die blablabla Farbe ließ ihre soundso Augen noch heller strahlen“ oder so.
      Schlimm ist auch, wenn in jedem Satz an mehreren Stellen schlecht ausgewählte Adjektive eingefügt wurden – in meiner oben zitierten Grusel-Lektüre beobachtet die Protagonistin zum Beispiel, wie sich ihre Freundin auf einem „auf Hochglanz polierten“ Barhocker fläzt. Der Barhocker und der Fakt, dass er angeblich glänzt, spielen danach nie wieder eine Rolle; zudem ist fraglich, wie die Protagonistin das gesehen haben will, denn die Bar wurde kurz danach als äußerst „schummerig“ beschrieben…

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  2. Ich habe keine Ahnung, welches Buch das ist. Aber bei einer derartigen Ansammlung von ‚Frauenroman‘-Klischeesätzen wird mir sowieso leicht übel. (Was natürlich Geschmackssache ist. Wer’s mag…). Jedenfalls ein erfrischender Post, warm man manchmal eine Lektüre direkt abbricht, auch wenn’s – offenbar – ein beliebtes Buch ist.

    Gruß,
    Ute

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    1. Ich finde es ja manchmal ganz interessant, ein kommerziell erfolgreiches Buch zu lesen und sich zu überlegen, was es wohl sein könnte, das anderen Leuten daran gefällt – in diesem Fall war meine Schmerzgrenze aber allzu deutlich überschritten. Spannend auch, dass sich solche Klischeesätze häufig in den Büchern finden, die man gemeinhin als „Frauenroman“ bezeichnet. Wirft für mich die Frage auf: Was lesen Männer, wenn sie auf diesem Niveau unterhalten werden möchten? Auch „Frauenromane“? Oder greifen die dann direkt zum Bier? 🙂

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      1. Ich glaube, die sollen Cussler, Lincoln Child und Cornwell lesen. Letztens habe ich dafür den Begriff „Frat Lit“ gefunden, als Gegenkonzept zur „Chick Lit“. Aus der Liga habe ich nur ein einziges Buch gelesen, das war „Nullpunkt“ von Lincoln Child. Die dort bedienten Klischees sind natürlich anders aber nicht weniger blöd und abgenutzt. Den Männern wird also auch Schrott verkauft. Ich weiß nicht, ob mir das ein Trost sein kann.

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  3. Ein Spiegel, in dem sich die nackte Glühbirne spiegelt?! So eine geschichte hätte ich sofort gelesen! Setting in einem Satz -BÄM!
    Ich kann alle 10 (9?) Punkte unterschreiben! Ich hätte nur wahrscheinlich nach Punkt 3 schon aufgehört 😉

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