Eine poetische Reise zu sich selbst: „Rot ist schön“ von Rita König

IMG_20160228_143302Der Roman* „Rot ist schön“ behandelt eine Aufgabe, der sich viele Menschen im Laufe ihres Lebens stellen müssen: Die Suche nach Halt, nach dem sicheren Gefühl, irgendwo angekommen zu sein. Silke, die Protagonistin des Romans, macht es sich und ihren Mitmenschen dabei nicht leicht. Dass der Leser ihr trotzdem gern auf ihrer Suche folgt, ist dem spannungsreichen Spiel mit Andeutungen und Erinnerungen und den bei aller Poesie bemerkenswert bodenständigen, dichten Beschreibungen zu verdanken.

Die Rahmenhandlung des Romans besteht darin, dass Silke, inzwischen Mitte Zwanzig und schwanger, im Zug zu ihrer Mutter nach Holland fährt. Dabei setzt sie sich gedanklich mit ihrer Kindheit und Jugend auseinander. In Rückblenden wird erzählt, wie vor zehn Jahren Silkes Familie zerbrach, als die Mutter mit dem Bruder zusammen auszog und Silke mit dem Vater zurückließ. Seitdem hat sie jeden Kontakt zur Mutter verweigert. Rastlos schlingert Silke durchs Leben, klammert sich an flüchtige Männerbekanntschaften, verletzt andere und wird selbst verletzt. Bis sie irgendwann spürt: Um den Kreislauf zu durchbrechen, muss sie sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Auch mit den Familiengeheimnissen, die sie bisher nicht wissen oder nicht wahrhaben wollte.

Ein ahnungsvolles Tasten nach der Wahrheit

Polyglott war das erste Fremdwort, das Silke sich merkte. Sie benutzte den Ausdruck gern, obwohl ihr dabei jedes Mal der zweite einfiel: polygam, den sie am Dorfkonsum gehört hatte und der ebenfalls ihren Vater meinte. (Zitat aus „Rot ist schön“, S. 11)

„In der Kindheit war immer Sommer“, meint Silke, und doch wird in den Schilderungen der Kindheit bereits deutlich, dass die Familie schon vor der Trennung der Eltern nicht intakt war. Den Vater zieht es zu rothaarigen Frauen hin, während die Mutter sich mit „Onkel Werner“ trifft und durch ihre hysterischen Tiraden die Kinder in den Konflikt hineinzieht. Mit ihrem Bruder ist Silke sehr eng verbunden, und vielleicht ist es sein Verlust, der sie am härtesten trifft, als die Eltern sich trennen, denn der launischen, lauten Mutter hat sie sich schon vorher entfremdet.

In den Rückblenden aus der Kindheit kann der Leser nur das finden, was Silke als personaler Erzähler wahrnimmt und erinnert – eigentlich. Aber die Erzählung liefert hier mehr als die Summe ihrer Teile. Auch die Wahrheiten, vor denen das Kind noch zurückzuckt, die Teile der Geschichte, die es nicht begreifen kann und will, lassen sich allmählich aus all dem Ungesagten zusammensetzen. Der Autorin gelingt das Kunststück, den Leser manche Zusammenhänge schon früh erahnen zu lassen, ohne mit der kindlichen Perspektive zu brechen.

Eine sympathische Sinnsucherin als Protagonistin

Silke wurde immer stiller, hätte sich am liebsten eingerollt und die Ohren zugehalten, ihre Küsse und Umfesselungen waren ein einziger Schrei nach Halt. (S. 94)

„Erwachsen kann man auch werden romantisch“, hatte Natascha gesagt. Silke glaubte ihr nicht. (S. 189)

Eine junge Frau sucht ihren Platz im Leben und setzt sich mit der Vergangenheit ihrer Familie auseinander – das kennt man bereits aus anderen Romanen, und oft genug handelt es sich dabei um wehleidige, verblendete Frauen, die man am liebsten mal kräftig durchschütteln und fragen möchte, was denn eigentlich ihr scheiß Problem ist. Nicht so Silke. Silke jammert nicht und suhlt sich nicht in Selbstmitleid, sie packt die Dinge an, versucht, zu tun, was zu tun ist und anderen Menschen das zu geben, was sie brauchen. Erst will sie dem Vater die Hausfrau ersetzen, später bildet sie mit zwei Freundinnen eine Art kleine Ersatzfamilie, noch später kümmert sie sich beruflich um Spätaussiedler. Dass es ihr selber nicht gut geht, ist allerdings nicht zu übersehen. Seit der Trennung der Eltern leidet sie an nervösen Magenbeschwerden und hat eine eigenartige Distanz zu allem, was sich um sie herum abspielt, entwickelt. Den Welpen, den der Vater ihr zum Trost schenken will, kann sie nicht lieben. Wenn das Telefon klingelt, wird ihr übel. Eine ihrer beiden Freundinnen gerät auf die schiefe Bahn, wird gezwungen, sich zu prostituieren. Rothaarige Menschen kommen und gehen, in ihrem Leben und im Leben ihres Vaters. Silke lässt das alles an sich vorbeirauschen, als würde es sie nichts angehen. Sie wirkt teilweise, als hätte sie das Interesse an ihrem eigenen Leben verloren. Dennoch – und das ist das Entscheidende – wirkt sie dabei nicht kalt oder unsympathisch. Sie ist eine Protagonistin, in der sehr viel Wärme und Sehnsucht und Lebendigkeit stecken, selbst dann, wenn ihr Verhalten eine andere Sprache zu sprechen scheint. Dass ihre Beschwerden auf eine nüchterne, sachliche Art geschildert werden, ohne die psychologischen Ursachen genauer zu analysieren, tut dem Buch ebenfalls sehr gut. So kann sich der Leser seine eigenen Gedanken machen und muss sich nicht durch handlungsarme Nabelschau-Passagen quälen.

DDR-Zeitgeschichte und Lokalkolorit

Silke wächst in der DDR auf und bekommt deren Zusammenbruch als junge Frau mit. Die Beschreibungen der Landschaft und die vielen Details, an denen beiläufig gezeigt wird, dass die Geschichte in der DDR spielt, lesen sich wirklich großartig. Es liegt viel Poesie in diesen Textpassagen, und dabei sind sie so unaufgeregt und lebensnah, dass man sich ihrer Wahrhaftigkeit einfach nicht entziehen kann. Es ist eine herzhafte, unerschrockene Art des Erzählens – mal sanft in der Landschaft schwelgend, mal schroff auf den Boden der Tatsachen aufsetzend.

Fazit

Klare Leseempfehlung – ein sprachlich gelungener Roman, der kunstvoll mit Auslassungen arbeitet und voller Herzenswärme eine Geschichte vom Suchen und Finden schildert, ohne dabei sentimental zu werden.

Tipp für alle Hamburger: Am 3.3. liest Rita König im Kulturcafé „Komm du“ in Hamburg-Harburg!

*Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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2 Gedanken zu “Eine poetische Reise zu sich selbst: „Rot ist schön“ von Rita König

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