Fiktive Kunstwerke in der Literatur

Gerade habe ich „Tabu“ von Ferdinand von Schirach gelesen, eine nicht wirklich umwerfende, aber doch unterhaltsame und kurzweilige Lektüre, die mich dazu angeregt hat, über Schilderungen fiktiver Kunstwerke in literarischen Texten nachzudenken.

Viele literarische Figuren sind haupt- oder nebenberufliche Künstler. Ich vermute, es liegt zum einen daran, dass künstlerische Tätigkeiten für die meisten Menschen grundsätzlich positiv konnotiert sind. Dem Künstler haftet etwas Exotisches und Freies an, was ihn von anderen Berufen abhebt. Wenn ich die Wahl habe, einen Roman über einen Bürohengst oder über einen Künstler zu lesen, wähle ich sicherlich den Künstler, denn im Büro sitze ich selber schon den ganzen Tag. Zum anderen könnte ich mir vorstellen, dass die Zielgruppe, die gerne Romane liest, sich auch für andere Kunstformen interessiert und gerne über sie liest. Für das eigene Selbstverständnis als kulturell interessierte Person ist es schließlich auch erhebender, einen Roman über einen Künstler zu lesen, als den Aufstieg und Fall einer Metzgerei in Bottropp zu verfolgen.

Immer dann, wenn der Protagonist ein Künstler ist, steht der Autor eines fiktionalen Textes vor einer schwierigen Aufgabe: Er muss ein Kunstwerk imaginieren, das originell ist, etwas über den Protagonisten und seinen Begriff von Kunst aussagt und sich plausibel in die Romanhandlung fügt. Dieses Kunstwerk muss der Autor dann mit den Mitteln, die ihm in einem geschriebenen Text zur Verfügung stehen, so beschreiben, dass es vorstellbar wird und seine Poesie erhalten bleibt. Oft misslingt dies. Über andere Berufe kann der Autor sich Wissen anlesen und es benutzen; der schöpferische Akt eines anderen Künstlers ist hingegen schwer nachzuahmen.

Die Alternative ist, einen Künstler als Protagonisten zu wählen und über dessen Werke nicht allzu viele Worte zu verlieren – so geschehen zum Beispiel in „Ins Nordlicht blicken“ von Cornelia Franz, wo der Protagonist ein Bildhauer ist. Allerdings frage ich mich als Leser dann: Warum muss der Protagonist dann überhaupt Künstler sein? Wegen der flexiblen Arbeitszeiten?

In „Tabu“ sind die Kunstwerke des Fotografen Sebastian von Eschburg zwar beschrieben, allerdings wirkt das Ganze wenig innovativ – er fotografiert beispielsweise zig junge Frauen, verschmilzt ihre Gesichter mithilfe einer Software zu einem Durchschnittsgesicht, und – surprise, surprise – das Ergebnis ist von einer rätselhaften Schönheit. Dann versucht er sich noch an einer fotografischen Installation mit pornografisch angehauchter „Clothed female, naked men“-Komponente, und zack, ist er reich und berühmt.

Aber es gibt auch gelungene Beispiele: In „Über den Winter“ von Rolf Lappert waren die Kunstwerke des Protagonisten provozierend, originell erdacht und gut beschrieben (und leider das Einzige, was mir an dem Buch gefallen hat). In „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ von Clemens Setz nimmt Nathalie die Stimmen fremder Männer mit ihrem Handy auf und mischt sie in einer Weise, die von ihr als „Non sequitur“ bezeichnet wird – die Weise, wie die Satzfetzen, Stimmen und Geräusche beschrieben wurden, ist ebenfalls sehr poetisch. In „Übermalungen“ von Jane Urquhart malt der Protagonist realistische Bilder, die er anschließend Stück für Stück übermalt – ein autoaggressiver Akt, der durch seine Vorgeschichte plausibel wird. In „Kaltenburg“ von Marcel Beyer werden die verstörenden Installationen eines Martin Spengler beschrieben, allerdings mit klaren Anleihen aus dem Werk von Josef Beuys, sodass man hier nicht mehr von rein fiktionalen Kunstwerken sprechen kann.

Übrigens habe ich nach einigem Nachdenken beschlossen, dass eine meiner Romanfiguren, die ursprünglich als Künstler angelegt war, nun doch einen anderen Beruf haben wird. Ich glaube, er wird Chemiker. Das scheint mir immer noch einfacher 😉

Welche Beispiele für fiktive Künstler und Kunstwerke in der Literatur fallen euch ein? Und: Habt ihr selber schon einmal eine Kurzgeschichte oder einen Roman über einen Künstler geschrieben?

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2 Gedanken zu “Fiktive Kunstwerke in der Literatur

  1. Chemiker? Und das ist einfacher? 😉 Aus meiner Sicht schwer zu verstehen, da ich von Chemie keine Ahnung habe. Mein Roman, der bald veröffentlicht wird, hat auch das Problem und ich habe mich lange sehr schwer getan.

    Ein Musiker und eine Romanautorin, die über die Musiker etwas schreiben will. Während die Songs des Musikers, die in dem Roman vorkommen, auch im hier und jetzt von mir geschrieben wurden, hatte ich lange Probleme damit, was die Autorin überhaupt will, bzw. was die Protagonistin für ein Ziel hat. Ich bin mir nicht sicher, wie ich dann im Endeffekt auf die einfache, aber aus meiner Sicht gute und zufriedenstellende Lösung gekommen bin. Die Romanautorin will einen Roman über den Musiker schreiben! Das hört sich alles so einfach an, aber war es im langen Prozess des Romans nicht!

    Gruß, guter Artikel!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für den Kommentar! Von Chemie habe ich auch keine Ahnung – trotzdem traue ich mir zu, einen Chemiker zu beschreiben, nachdem ich mir etwas Wissen angelesen und ggf. noch einen Experten interviewt habe. Das ist eine Fleißarbeit. Um einen Künstler, der wirklich verrückte Ideen hat, gut darstellen zu können, müsste ich idealerweise selber solche Ideen haben – und wenn ich die hätte, würde ich ja nicht in meinem kleinen Schreibzimmer sitzen und in die Tasten hauen, sondern z.B. nackt auf einem Eisberg sitzend 40.000 LEDs auf toten Robbenbabies drapieren, während tibetische Mönche mich mit abgelaufenem Tofu aus genmanipulierten Sojabohnen bewerfen und das Ganze live im Internet und im Weltall gezeigt wird 🙂

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