Ratespiel in Grönland: „Ins Nordlicht blicken“ von Cornelia Franz

Hin und wieder lese ich gerne ein interessantes Jugendbuch, und so entschied ich beim letzten Bücherhallen-Besuch, „Ins Nordlicht blicken“ von Cornelia Franz auszuleihen. Der Roman spielt in Hamburg und Grönland, in Vergangenheit und Zukunft, und dreht sich um die rätselhafte Lebensgeschichte eines jungen Bildhauers.

Da die Frage, wie das alles zusammenhängt, für mich einer der wesentlichen Gründe war, das Buch zu Ende zu lesen, will ich die Auflösung an dieser Stelle nicht verraten, daher nur soviel zur Handlung: Jonathan Querido, ein 26 Jahre alter Bildhauer, nimmt im Jahr 2020 an einer Kreuzfahrt auf der MS Alaska teil. Die Welt hat sich verändert, durch den Klimawandel treten Naturkatastrophen ungeahnten Ausmaßes auf. New York, das ursprüngliche Reiseziel, wird durch eine Überschwemmung vernichtet, stattdessen nimmt das Schiff Kurs auf Grönland. Jonathan weiß mehr über Grönland, als er zugeben will, und leidet während der Reise immer wieder unter Panikattacken und bedrückenden Erinnerungen. Ein weiterer Handlungsstrang schildert das Leben von Pakkutaq Wildhausen, der im Jahr 2011 im grönländischen Ort Nuuk lebt und als Krabbenpuler arbeitet. Den Problemen mit seinem Vater und der Perspektivlosigkeit der Jugendlichen in Grönland versucht er durch Online-Backgammonspiele zu entfliehen. Dann wird er in die krummen Geschäfte eines Krabbenschmugglers verwickelt…

Anschauliche Schilderung Grönlands

Das Buch liefert Eindrücke von Grönland als einem Ort, der die Handlung prägt und teilweise erst ermöglicht. Die Kälte, das Eis, das Krabbenpulen, das Robben- und Seehundfleisch und auch das Nordlicht sind allgegenwärtig. Der Alkoholismus des Vaters und der frühe Tod der Mutter stehen ebenfalls in engem Zusammenhang mit dem Ort der Handlung. Grönland ist mehr als nur eine Kulisse; viele der im Roman geschilderten Vorgänge können genau so eben nur in Grönland passieren, insofern ist die Verknüpfung aus Ort, Zeit und Handlung hier sehr gelungen. Zudem ist das Land anschaulich beschrieben und für jeden, auf den der Norden eine gewisse Anziehungskraft ausübt, reizvoll zu lesen.

Irritierende Endzeit-Thematik

Natürlich habe ich auch einige Kritikpunkte: Die Naturkatastrophen wären meiner Meinung nach nicht unbedingt notwendig gewesen. Mir blieb unklar, was das sollte, zumal es kaum einen plausiblen Zusammenhang mit der Handlung gab. Der einzige Berührungspunkt ist, dass Jonathan mit dem Schiff nach Grönland fährt, weil New York zerstört wurde. Das hätte man aber sicher auch anders lösen können. Davon abgesehen fällt mir kein Grund für dieses Klimawandel-Endzeit-Szenario ein. Was bringt es mir, zu lesen, dass die Hamburger Hafencity 2025 untergeht, wenn davon keine der Figuren betroffen ist und es keinen Einfluss auf die Handlung hat? Auch würde ich erwarten, dass die katastrophalen Verwüstungen mehrerer Städte die Hauptfiguren in irgendeiner Weise gedanklich beschäftigen und mit Besorgnis erfüllen; dies schien jedoch nicht der Fall zu sein, stattdessen setzen sie auch noch Kinder in die Welt.

Auch sonst schien mir das Buch stellenweise etwas überfrachtet mit Themen, die bei näherer Betrachtung wenig zur Handlung beitragen (z. B. die Bienenzucht).

Kleine Schnitzer

Immer wieder wundere ich mich darüber, dass auch in den Veröffentlichungen der renommierten Verlage recht offensichtliche Flüchtigkeitsfehler übersehen werden. In „Ins Nordlicht blicken“ sind mir an mehreren Stellen doppelte Leerzeichen aufgefallen (z. B. auf S. 86); der Name der Figur „Pakkutaq“ wird auf S. 181 plötzlich mit einem „k“ am Ende geschrieben und auf S. 164 heißt es „Milch rannte mir über das Handgelenk“. Da musste ich etwas lachen, als ich mir die rennende Milch vorstellte. Die Wirkung der Sterbeszene, in der dieser Satz auftaucht, wurde durch den Fehler leider etwas ins unfreiwillig Komische verkehrt.

Fazit

Insgesamt vielleicht etwas überladen mit Themen und Motiven, aber für alle Nordlichter und Grönland-Fans eine durchaus empfehlenswerte, spannende Lektüre.

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