Zwei Bücher in einem: „Altes Land“ von Dörte Hansen

Altes Land“ ist ohne Frage ein gelungener Roman, der beim Lesen Freude macht. Dennoch: Zwei kunstvoll gesponnene Fäden ziehen sich durch den Roman, die insgesamt nicht ganz zusammenpassen.

Der Roman erzählt die Lebensgeschichte von Vera, die als Tochter der aus Ostpreußen geflohenen Hildegard von Kamcke auf einen Hof im Alten Land kommt. Hildegard heiratet den Hoferben Karl und sichert den beiden damit eine Bleibe, aber Vera spürt, dass sie als „Polackenkind“ im Dorf immer einen schweren Stand haben wird. Als Hildegard einen neuen Mann kennenlernt und Karl verlässt, lässt sie Vera auf dem Hof zurück. Sechzig Jahre nach Veras Ankunft auf dem Apfelhof steht ihre Nichte Anne (die Tochter von Hildegards Tochter aus zweiter Ehe) mit ihrem kleinen Sohn vor der Tür und sucht eine Bleibe. Sie ist aus Hamburg-Ottensen geflüchtet, weil sie ihren Freund beim Fremdgehen erwischt hat und in Hamburg keine Perspektive für sich sieht. Die verschrobene, einsame Vera und die eigenwillige Anne nähern sich an; dabei wird auch die gemeinsame Familiengeschichte aufgearbeitet…

Man nehme: Einige Zutaten eines Heimatromans

In Teilen ist das Buch eine Art Heimatroman, der die Sehnsucht nach dem Sesshaftwerden auf dem Land behandelt. Veras Flucht wird als traumatische Erfahrung erzählt, sie ist danach buchstäblich entwurzelt und hat zu kämpfen, um sich einen Lebensraum anzueignen. Es wird beschrieben, wie sie nachts wachliegt und sich einbildet, das alte Bauernhaus würde sie als Fremde wahrnehmen und ausstoßen wollen. Diese Projektion zeigt, dass Vera auch Jahre nach der Flucht noch einen inneren Kampf auszustehen hat, und dass es ihr schwerfällt, das Land und die eigentlich inzwischen sehr guten Lebensumstände annehmen zu können. Der Begriff „Heimat“ hat für Vera jede Selbstverständlichkeit eingebüßt, weswegen ihre Liebe zum Alten Land immer von etwas Schmerzlichem durchzogen ist.

Gerade die etwas melancholischen, stillen Betrachtungen werden in dem Roman eindrücklich wiedergegeben. Die Schilderungen der Natur und ihres Wandels im Jahresverlauf sind sehr gut beobachtet und poetisch in Worte gefasst.

Weitere Zutaten: Komik und ein Griff in die Klischeekiste

Auch für Anne stellt sich die Aufgabe, irgendwo anzukommen. Sie hat sich in Hamburg, ihrem vorherigen Wohnort, wie ein Fremdkörper gefühlt. Der Roman schildert detailliert, wie irritiert sie von den Latte-Macciato-Müttern in Hamburg-Ottensen ist, die ihre schlecht erzogenen, in Bio-Baumwolle gehüllten und mit Fair-Trade-Dinkelkeksen gefütterten Kinder von einer Frühförderungsmaßnahme zur nächsten schleifen. Auch frühere Stationen in Annes Leben werden mit einem gewissen Befremden wiedergegeben. Immer schwingt eine Skepsis gegenüber den Lebensentwürfen der anderen mit. Dass dabei bestimmte Klischeetypen erkennbar werden, wie zum Beispiel die Spielplatz-Mütter, die typischen Hamburger Medienheinis, oder die „Downshifter“ mit ihrer Suche nach mehr Achtsamkeit und alten Apfelsorten auf dem Land, sorgt für Komik.

Mich haben diese Passagen hervorragend unterhalten, weil es wirklich eine Kunst ist, so gezielt ein Klischee zu bedienen, dass der Leser merkt: Hier wird absichtsvoll ein Klischee konstruiert, und liebevoll ausgeschmückt und übertrieben, und es ist trotzdem so, so wahr… Es ist sehr interessant, woher dieses geteilte Wissen über Klischees stammt. Hier wird es jedenfalls – ähnlich wie in „Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson – meisterhaft bedient.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Vera und Anne sind reizvoll. Während Vera vor einer echten Bedrohung geflohen ist, sind es bei Anne eher triviale Gründe, die zu ihrer „Flucht“ aus Hamburg geführt haben. Dennoch ist Entwurzelung ein zentrales Thema für beide Frauen, und sie stehen vor ähnlichen Herausforderungen.

Beide Frauen sind mit einer distanzierten, schwierigen Mutter aufgewachsen und haben immer noch Schwierigkeiten, ihre Kindheit zu bewältigen. Wie Anne schließlich begreift, dass ihre Mutter ihr nichts geben konnte, weil sie selber nie die Wärme einer guten Mutter spüren durfte, gehört zu den bewegendsten Szenen in dem Roman. Sehr eindrücklich fand ich in diesem Zusammenhang den Vergleich mit der Vereisung der Obstbäume: Damit bei späten Frösten die neuen Triebe der Bäume nicht geschädigt werden, besprengen die Bauern ihre Obstbäume mit Wasser. Die Schutzschicht aus Eis, die sich dann bildet, isoliert den Baum und schützt ihn vor strengen Frösten. So, wie sich einst die Romanfigur Hildegard von Kamcke einen Schutzpanzer aus Eis schuf, der ihr zwar half, die Flucht zu überstehen, aber verhinderte, dass sie ihren Töchtern – Vera und Marlene, Annes Mutter – menschliche Liebe und Wärme entgegenbringen konnte.

Ein großartiges Buch, aaaaber…

So sehr mir beide Ebenen des Romans – die melancholische Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat und Entwurzelung auf der einen Seite, und die spitzzüngige, oft sehr komische Kontrastierung unterschiedlicher Lebensentwürfe bzw. des Stadt- und Landlebens auf der anderen Seite – gefallen haben: So ganz passte das für mich nicht zusammen. Der Wechsel erfolgte oft zu abrupt, sodass ich beim Lesen allzu unsanft aus meiner Rührung herausgerissen wurde bzw. umgekehrt mir das Lachen auch manchmal im Halse stecken blieb. Für manche Leser war sicherlich gerade das Hin und Her zwischen Melancholie und Komik reizvoll; ich hatte aber mitunter das Gefühl, in zwei verschiedenen Büchern zu lesen, und hätte das Ganze daher auch lieber in zwei Romanen verhandelt gesehen.

Hinzu kommt, dass der Roman zwar einerseits aus poetischen Beschreibungen des Alten Lands lebt, andererseits aber gerade die Ergriffenheit und Sehnsucht des Städters nach dem Landleben persifliert. Die Botschaft, die bei mir ankam, war daher: „Ich wollte einen Heimatroman schreiben, habe mich aber nicht so ganz getraut – und ich wollte einen leichten, lustigen Roman schreiben, habe mich aber auch das nicht so ganz getraut.“

Fazit

Der Versuch, beides miteinander zu vereinen, ist nichtsdestotrotz sehr spannend zu lesen. Ich werde das Buch definitiv in ein, zwei Jahren erneut lesen und würde es insgesamt empfehlen.

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