Die Kunst des Schweigens: „Kaltenburg“ von Marcel Beyer

„Kaltenburg“ ist ein Buch, das auf eigenwillige Art Lücken aneinanderreiht. Im Mittelpunkt der Erzählung steht das Leben und Wirken des Ornithologen Ludwig Kaltenburg. Der Erzähler Hermann Funk, ebenfalls Ornithologe, hat ihn als Kind kennengelernt und wird später sein Schüler.

Der Kontakt mit einer Dolmetscherin, die die Bezeichnungen verschiedener Vogelarten erlernen will, sorgt dafür, dass sich Hermann Funk, inzwischen ein alter Mann, an Ludwig Kaltenburg erinnert. Nach und nach erzählt er Teile von dessen Lebensgeschichte, die eng mit seiner eigenen verwoben ist. Vieles bleibt dabei ungesagt. Warum haben sich der Vater des Erzählers und Ludwig Kaltenburg zerstritten? Welche Rolle spielte Kaltenburg in der Nazizeit, und welche in der DDR? Wer hat Kaltenburgs Vögel vergiftet?
Der Erzähler war noch sehr jung, als Kaltenburg in sein Leben trat, hat sich vieles nur aus unklaren Erinnerungen oder belauschten Gesprächsfetzen zusammengereimt, und er macht auch kein Hehl daraus, dass er manche Dinge aufgrund seiner engen persönlichen Beziehung zu Kaltenburg nicht wissen kann oder will. Beim Lesen hatte ich den Eindruck, als würde ich genau wie der Erzähler so dicht vor dem großen Kaltenburg stehen, dass ich nur einen Teil von ihm sehen kann. Dennoch entstehen dunkle Ahnungen. Blinde Flecken in der Vergangenheit, die immer greifbarer werden, weil der Erzähler das, was er nicht weiß, fortwährend umkreist, bis sich schließlich Befürchtungen bilden, die man fast deuten könnte, wenn man es wagen würde. Für mich hat dieses Nachdenken über Unerzähltes einen großen Reiz ausgeübt.

Außerdem werden mir sicherlich die eindringlichen, dichten Beschreibungen in Erinnerung bleiben, die bei mir sofort starke innere Bilder ausgelöst haben. Häufig ging es dabei um Begegnungen zwischen Mensch und Tier. Verkohlte Vögel, die vom Himmel fallen. Affen, die, aus einem Zoo entwichen, nach einem Bombenanschlag mithelfen, Tote wegzutragen. Ein Raubvogel, der sich an einem schwülen Sommertag in einen schattigen Salon verirrt und dem Erzähler – der noch ein Kind ist, als sich diese Begebenheit zuträgt – Angst einjagt. Das fachmännische Abbalgen eines Vogels. Nagetiere und Vögel, die in einer Villa leben, die mit und von Ludwig Kaltenburg leben, sich seiner Aufzeichnungen bemächtigen, um sie als Nistmaterial zu verwenden. Eine Dohle, die in einen Kamin hinabsteigt.

Fazit

Ein Werk, das ich jedem nur ans Herz legen kann. Es ist großartig erzählt, der Stil liest sich wunderschön, und es ist eines dieser Bücher, die noch lange nachwirken.

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4 Gedanken zu “Die Kunst des Schweigens: „Kaltenburg“ von Marcel Beyer

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