Schöner Scheitern: „Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson

„Das war ich nicht“ ist ein geistreicher, amüsanter Roman, der drei miteinander verwobene Geschichten erzählt. Die drei Hauptfiguren scheitern, das erfährt der Leser schon durch den Klappentext. Trotzdem ist das Buch spannend, denn die Frage ist ja immer noch, wie und wann sie scheitern. Außerdem sind die Figuren sympathisch dargestellt, sodass ich mir beim Lesen immerzu gewünscht habe, sie würden doch noch irgendeinen Ausweg finden.

Die drei Hauptfiguren, aus deren Perspektiven die Geschichte erzählt wird, sind ein Schriftsteller, eine Übersetzerin und ein Banker. Der Schriftsteller Henry LaMarck hat in einer Talkshow damit geprahlt, einen großen Roman über den 11. September zu schreiben. Nun setzen ihn die Erwartungen, die an ein solches Werk gestellt werden, so sehr unter Druck, dass er keine einzige Zeile mehr schreiben kann und stattdessen ziellos durch Chicago irrt. In einer Zeitung sieht er ein Foto von einem jungen Banker und redet sich ein, der Mann auf dem Foto könnte ihm als Muse dienen, also macht er sich auf die Suche nach ihm.

Jasper Lüdemann ist der Banker auf dem Foto. Er arbeitet für die Bank „Rutherford & Gold“, bei der auch Henry LaMarck sein Vermögen angelegt hat. Davon abgesehen macht er nicht viel, die Arbeit bestimmt sein Leben. Als er sich nach längerer Zeit mal wieder tagsüber in seiner Wohnung aufhält, findet er z. B. überrascht einige Ikea-Kartons:

„Bereits vor einem Jahr hatte ich mir dort einen Tisch gekauft, ihn aber nie aufgebaut. Ich wusste nicht, wo ich das in meine Work-Life-Balance einbauen sollte. Teil meiner Arbeit war das nicht, aber in meiner Freizeit wollte ich auch keine Möbel zusammenschrauben.“ („Das war ich nicht“, S. 34)

Diese Zeilen zeigen ganz gut, als was für eine Figur Jasper anfänglich angelegt ist.  Als ein jüngerer Kollege einen Fehler macht, will Jasper ihm einen Gefallen tun und versucht, das Geld durch Spekulationen auf Aktien von „HomeStar“ wieder hereinzuholen. Dabei handelt es sich um eine Hypothekenbank, deren Geschäftsmodell darauf basiert, „Leuten einen Immobilienkredit zu vermitteln, die sich, genau genommen, nicht mal eine Waschmaschine leisten konnten.“ (S. 51) Doch der Wert der Aktien entwickelt sich vollkommen anders, als er erwartet…

Eine der Kundinnen von „HomeStar“ ist die Übersetzerin Meike Urbanski. Sie hat überstürzt ihren Freund und dessen nervige Pärchenfreunde in Hamburg zurückgelassen (wie deren spießbürgerliches Yuppie-Geschwalle beschrieben wird, ist absolut herrlich) und sich mit einem Kredit von „HomeStar“ ein verfallenes Bauernhaus auf dem Land gekauft. Nun sollte sie allmählich Geld verdienen, denn sonst ist der Traum vom Landleben bald ausgeträumt. Das Problem ist, dass der einzige Autor, den sie übersetzt, sein Manuskript nicht abliefert. Denn es ist Henry LaMarck, der in Chicago einem Banker nachläuft…

Ein virtuoses Spiel mit dem Zufall

Jetzt könnte man meinen, dass all diese Zufälle ein bisschen zu viel des Guten wären. Sind sie aber nicht. Der Roman erzählt das Scheitern der Protagonisten als etwas Unausweichliches, sodass jedes Ereignis, das dazu führt – so unwahrscheinlich es objektiv betrachtet auch sein mag – vollkommen plausibel erscheint. Angenehm fand ich auch, dass nicht versucht wird, unwahrscheinliche Begebenheiten in irgendeiner Weise zu rechtfertigen. Denn wenn Rechtfertigungen angeboten werden, komme ich beim Lesen häufig erst richtig ins Zweifeln. Hier werden einfach keine Alternativen genannt, man hat keine andere Wahl, als den Figuren zu glauben. Dass einige Zufälle etwas schräg sind, hat erstaunlicherweise mein Lesevergnügen noch erhöht.

Fazit

Eine klare Leseempfehlung für „Das war ich nicht“. Die kunstvoll verwobenen Handlungsstränge, die sympathischen Protagonisten und die klare Sprache haben mich überzeugt. Schöner (und humorvoller) kann man Geschichten vom Scheitern nicht erzählen!

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3 Gedanken zu “Schöner Scheitern: „Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson

  1. Ich stimme dir voll zu! Und man lernt ja auch viel beim Lesen. Meine Schwester ist Wirtschaftsmathematikerin und war recht überrascht, dass ich wusste was „Long Straddles“ und so weiter sind. Lesen bildet und macht mit Kristof Magnussens Buch auch wirklich Freude ^^

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