Ein parteiisches Puppentheater: „Fördewölfe“ von Yvonne Asmussen

IMG_20150708_203828Den Krimi „Fördewölfe“ habe ich von Lovelybooks als Leseexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich recht herzlich bedanken möchte. Die Autorin hat die Leserunde auf Lovelybooks toll begleitet und dabei einige interessante Informationen geliefert. Auch dafür vielen Dank!
Umso schwieriger finde ich es nun, eine angemessene Rezension zu schreiben, denn mir persönlich hat das Lesen dieses Krimis keine rechte Freude gemacht.

Dazu muss ich sagen, dass der Krimi rein vom Sprachlichen und von der Logik her gelungen ist. Eine Aufzählung von Fehlern, wie ich sie z. B. für „Eisblut“ angelegt hatte, wird es bei „Fördewölfe“ nicht geben – ein etwas missverständlicher Satz ist mir aufgefallen, aber ansonsten ist das alles sehr solide gemacht. Es gibt also wenig objektivierbare Kriterien, auf die sich meine Kritik stützt – ich kann nur sagen, das, was ich in einem Krimi suche, habe ich hier nicht gefunden.

Worum geht es?

Zunächst ein paar Worte zur Handlung: Im Mittelpunkt der Handlung stehen die „Wizards of Doom“, ein Flensburger Motorclub. Im Clubhaus stirbt ein Fotograf, der gemeinsam mit der jungen Journalistin Jessica Material über die Rocker gesammelt hat. Da die Untersuchungen zeigen, dass der Mann an den Folgen eines Schlags gestorben ist, geraten zunächst die „Wizards of Doom“ unter Verdacht. Die Ärztin Christina Martens, deren Lebensgefährte „Duke“ zu den Rockern gehört, stellt auf eigene Faust Ermittlungen an; die „Wizards“ versuchen selbst, den wahren Tätern auf die Spur zu kommen, und auch die naive Journalistin Jessica „recherchiert“ den Fall und bringt sich dabei selbst in Gefahr.

Parteiische Darstellung

Schon zu Beginn des Krimis wird – aus meiner Sicht nicht besonders subtil – für die Rocker Partei ergriffen. Das zieht sich durch das gesamte Buch: Immer wieder kommen Szenen vor, in denen gezeigt wird, wie Polizei und Presse vorurteilsbehaftet und ungerecht mit den Rockern umspringen. Es mag ja sein, dass es sich um eine Bevölkerungsgruppe handelt, die besonders häufig falschen Verdächtigungen ausgesetzt ist – meiner Meinung nach ist es jedoch nicht die Aufgabe eines Krimis, diesen Eindruck gerade zu rücken. Vorurteile gegen bestimmte Gruppen von Menschen abzubauen, ist ja eine hehre Mission, die aber meiner Meinung nach in einem Sachtext (und dann gerne mit nachvollziehbaren Quellen) besser zu erfüllen ist. Wenn ich einen Krimi lese, wünsche ich mir spannende Unterhaltung, gerne auch vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Problems. Wenn dabei aber so ein „Erziehungsauftrag“ durchschimmert, empfinde ich das als störend. Ronald B. Tobias hat in „20 Master Plots and how to build them“ (S. 50-51) einen ähnlichen Fall beschrieben, in dem eine Figur allzu penetrant als armes, missverstandenes Opfer inszeniert wird. Er zeigt sehr anschaulich, was dieses Vorgehen im Leser auslöst und welcher Ausdrucksmöglichkeiten der Autor sich dadurch beraubt. An diese Textstelle musste ich sofort denken, als ich „Fördewölfe“ gelesen habe:

„The writer is on a soapbox lecturing, telling us who is good and who is bad and what is right and what is wrong. Lord knows we get lectured to enough in real world; we don’t read or go to the movies so someone can lecture to us some more.“
Ronald B. Tobias, 20 Master Plots and how to build them, S. 51

Unter der parteiischen Darstellung litt aus meiner Sicht auch die Spannung, denn für mich war schon sehr früh klar, dass die Rocker in diesem Buch ganz sicher nicht in kriminelle Machenschaften verwickelt sind – und dass sie bald mehr als eine Gelegenheit bekommen werden, als Ritter in lederner Rüstung in Not Geratenen zur Hilfe zu eilen. Aus welcher Berufsgruppe die wahren Verbrecher dann am Ende stammen, habe ich ebenfalls schon zu Beginn vermutet, und so war es dann leider auch.

Eine Idee fand ich ganz originell, nämlich die Situation, dass ganz am Anfang der Fotograf vor den Augen der Rocker an Gewalteinwirkungen stirbt – obwohl sie ihn nicht angerührt haben. So etwas finde ich als Gedankenexperiment spannend: Der Mord ist ja eigentlich schon passiert, aber der Tod tritt mit so starker Zeitverzögerung auf, dass jemand anderes unter Verdacht gerät. Diese Spannung hätte ich gerne noch etwas ausgekostet und hätte es genossen, wenn einige Zweifel gesät worden wären. Stattdessen war ja leider schon klar, dass der Fotograf bereits vorher eins auf die Glocke gekriegt hatte.

Figurentheater vor Rockerkulisse

Zu Beginn wurden eine Menge Figuren eingeführt, allerdings konnte mir keine davon so richtig ans Herz wachsen. Nun gibt es ja auch ganz bemerkenswerte Unsympathen in der Literatur, aber die habe ich hier ebenfalls nicht gefunden. Die Figuren hatten für mein Empfinden zu wenig Eigenschaften, um wirklich glaubwürdig und unverwechselbar zu sein. Die naive Journalistin Jessica habe ich als sehr überzeichnet wahrgenommen. Mir ist klar, dass „Journalist“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist und dass sich im Grunde jeder so nennen kann, dementsprechend gibt es Journalisten mit guter und mit weniger guter Ausbildung. Völlig unabhängig vom Bildungshintergrund fiel es mir jedoch schwer zu glauben, dass ein erwachsener Mensch dermaßen grunddumm sein soll.

Die Ärztin Christina und ihr schottischer Rockerfreund „Duke“ sind, so denke ich, als Hauptfiguren angelegt. Das Wenige, was ich über die beiden erfahren habe, wurde für meinen Geschmack zu häufig wiederholt (sie ist die intelligente, starke Ärztin, die aber auch mal eine Schulter zum Anlehnen braucht. Er ist die Schulter.) In den Dialogen der beiden kamen so häufig die Worte „Lady“, „Bro“ und „Fuck“ vor, dass ich genervt davon war und nur noch dachte: „Ja, ich habe es verstanden – du bist cool und kommst aus Schottland. Herzlichen Glückwunsch.“

Die Rocker haben teilweise Namen, tragen Kutten und lieben ihre Motorräder und ihre „Brüder“; sehr viel mehr konnte ich nicht über sie herausfinden. Auch hier hätte ich mir ein paar persönliche Eigenschaften gewünscht, damit die Figuren nicht zur Kulisse verkommen.

Fazit

Wenn ich „Fördewölfe“ nicht als Leseexemplar zur Verfügung gestellt bekommen hätte, dann hätte ich ihn nicht unbedingt zu Ende gelesen. So habe ich mich irgendwie dazu verpflichtet gefühlt. Bei mir kam leider keine Spannung auf, weil ich andere Erwartungen an einen Krimi habe. Von den anderen Teilnehmern der Leserunde gab es aber tolle Bewertungen, es scheint also Geschmackssache zu sein. Ich könnte mir auch vorstellen, dass das Buch als Geschenk für Motorradfahrer, Rocker und Möchtegern-Rocker und Flensburg-Fans gut geeignet ist.

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