Ein weltfremder Reigen voller Geigen: „Lea“ von Pascal Mercier

IMG_20150708_203011Von Pascal Mercier halte ich viel, seit ich vor Jahren „Der Klavierstimmer“ gelesen habe; einen Roman, der mich damals sehr beeindruckt hat. „Lea“ ist kein schlechtes Buch, hat mich aber nicht vom Hocker gerissen. Ich hatte wohl ein wenig mehr von dem Autoren erwartet.

Die Novelle ist aus Sicht des Chirurgen Adrian Herzog erzählt, der in einem Café in der Provence den Professor Martijn van Vliet kennenlernt. Die beiden Männer entscheiden, dass sie gemeinsam zurück zu ihrem Wohnort Bern fahren wollen. Während der Fahrt erzählt van Vliet dem Ich-Erzähler die Geschichte seiner Tochter Lea, die nach dem Tod ihrer Mutter ihre Begabung für das Geigenspiel entdeckte. Schon früh wird klar, dass diese Leidenschaft kein gutes Ende für Tochter und Vater nimmt. Was genau passiert, war eine der wenigen Fragen, auf deren Auflösung ich gespannt war, darum verrate ich es an dieser Stelle nicht, falls jemand das Buch noch lesen möchte.

Was mir gefallen hat, war die teilweise kunstvolle Sprache und die Spannung, da man ja nicht weiß, wie genau das Geigenspiel die Familie van Vliet ins Unglück stürzt. Was mir nicht gefallen hat:

Erzählperspektive und Figurenkonstellation

Dass Adrian Herzog, ein Fremder, der mit Lea überhaupt nichts zu tun hatte, als Erzähler auftritt, fand ich bei einem Werk, das den Titel „Lea“ trägt, nicht unbedingt sinnvoll. Natürlich hat diese Konstruktion den Vorteil, dass sie eine teilweise stark raffende Wiedergabe der Handlung, wie sie für eine Novelle typisch ist, ermöglicht. Der Nachteil ist allerdings, dass das Erzählte dadurch häufig sehr weit weg ist. Nur wenige Szenen mit Lea werden auch wirklich szenisch beschrieben, die zusammenfassenden Textpassagen dominierten für meinen Geschmack zu sehr. In Lea und ihren Konflikt konnte ich mich überhaupt nicht hineindenken, die meiste Zeit über dachte ich „Mensch, Mädchen, jetzt reiß dich mal zusammen – entweder du spielst jetzt Geige, oder du trittst meinetwegen in einen Kegelclub ein. Aber mach nicht so ein Theater!“ Natürlich ist es nur konsequent, dass man sie nicht versteht – immerhin erfährt der Erzähler die Geschichte ja durch Leas Vater, der, wie er immer wieder feststellt, keine Ahnung hatte, was in Lea vorging. Mir ist es allerdings ein Bedürfnis, bei einer Figur, die der Angelpunkt der Geschichte ist, eine einigermaßen plausible Entwicklung beobachten zu können. Bei Lea ist mir das alles zu viel Hörensagen und Ratespielchen.

Plumpe Anspielungen und vorweggenommene Gedanken

In der Novelle tauchen viele Anspielungen auf andere Bücher, Filme, Musik, Bilder und Personen der Zeitgeschichte auf. Wenn so etwas das erste Mal vorkam, war es noch ganz nett, aber dass der Autor dann immer wieder neue Hinweise auf die gleichen Gegenstände gab, war mir etwas zu plump. Zum Beispiel ist Leas Vater Martijn van Vliet, die heimliche Hauptfigur des Werks, ein begabter Schachspieler. Hier dürften in den meisten literarisch einigermaßen bewanderten Lesern bereits leise Vorahnungen auftauchen: Schach, Schachnovelle, Begabung, eine ungesunde Fixierung auf eine einzelne Tätigkeit, die jemanden schließlich um den Verstand bringt. All das wird hier bereits angedeutet, und das wäre ja auch sehr schön, wenn der Autor es denn dabei belassen würde! Stattdessen wispert er quasi munter weiter „Schach, Schach, versteht ihr?!“ Es gipfelt darin, dass er eine der Figuren über eine Versteigerung teurer Geigen sagen lässt, dieses Unterfangen käme einer Schachpartie gegen den Rest der Welt gleich. Was ein ziemlich an den Haaren herbeigezogener Vergleich ist, aber Hauptsache, man hat noch einmal das Wort „Schach“ untergebracht.

Der Autor traut seinem Leser hier einfach zu wenig zu. Und deswegen walzt er auch ständig Gedanken aus, die der Leser sich vielleicht gerne selbst gemacht hätte. Ein Beispiel: Leas Fixierung auf das Geigenspiel nimmt ihren Anfang, als sie gemeinsam mit ihrem Vater einer Straßenmusikerin zuhört. Wenn eine Handlung so erkennbar an einem einzigen Punkt aufgehängt ist, ist es ganz normal, dass der Leser sich über kurz oder lang fragt, was wohl gewesen wäre, wenn diese eine Sache nicht passiert wäre. Meinetwegen kann eine der Figuren diese Frage auch einmal oder zweimal stellen, um auch bei den denkfaulen Lesern etwas in Gang zu bringen. Aber nicht zehnmal! Immer wieder taucht die Frage auf, was wohl gewesen wäre, wenn… Irgendwann möchte man Herrn van Vliet nur noch schütteln und schreien „Get over it!“ und Herrn Mercier ein dickes „Wir haben es begriffen!“ an den Rand schreiben.

Akademiker am Abgrund

Ein bisschen Elfenbeinturm gehört bei Pascal Mercier ja dazu – die Figuren sind meistens furchtbar gebildete Menschen, für die Musik und Theater eine große Rolle spielen und die trotz enormer Qualifikationen einige elementare Dinge im Leben nicht auf die Reihe kriegen. Bisher hat mich das nie gestört. Hier wurde es allerdings ein bisschen sehr weltfremd. Es gibt nun mal auch Menschen, die mit Musik und speziell mit Geigenmusik nichts anfangen können. Dass schlichtweg jeder von den magischen Tönen aus Leas Geige so hingerissen sein soll, ist – sofern keine bewusstseinserweiternden Drogen zum Einsatz kamen – einfach nicht plausibel. Zum Beispiel bekommt Lea eine neue Geige und fängt mitten in der Nacht an zu spielen. Als ein Nachbar an der Tür klingelt, um sich zu beschweren, lässt der Vater ihn wortlos hinein, wo er im Schlafanzug herumlungert, sich gar nicht creepy vorkommt und gebannt Leas Geigenspiel lauscht. Ist klar. Als mehr Nachbarn aus ihren Gemächern kriechen, um die Quelle der nächtlichen Störung aufzuspüren, öffnet der Vater flugs die Wohnungstür, und das ganze Treppenhaus wird von Zuhörern bevölkert, die am Ende sogar klatschen. Bei aller Liebe zur Musik, aber: nein. Wenn um drei Uhr morgens jemand mein Treppenhaus beschallen würde, wäre es mir relativ egal, was für ein begnadeter Musikant derjenige ist, ich würde stumpf die Polizei rufen. Diese Überhöhung von Leas Geigenspiel, die an mehreren Stellen deutlich wird, war für mich nicht nachvollziehbar.

IMG_20150708_205925Fazit

Wer Lust auf Melancholie und etwas Spannung hat, macht mit „Lea“ von Pascal Mercier nicht viel verkehrt – der ganz große Wurf ist es allerdings nicht. Mein Problem war sicher, dass ich hohe Erwartungen an den Autoren hatte. Die sind nun erstmal etwas gedämpft. Im Antiquariat habe ich neulich „Perlmanns Schweigen“ erstanden, ich hoffe, das überzeugt mich mehr.

Kennt ihr das auch, ein Buch zu lesen und enttäuscht zu sein – nicht, weil es wirklich schlecht wäre, sondern nur, weil es nicht das Buch ist, das ihr von dem jeweiligen Autoren erwartet hättet?

 

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