„Ich stecke fest!“ – Über unterschiedliche Lesegeschwindigkeiten

Nachdem ich den Duden und eine bekannte Suchmaschine zu Rate gezogen habe und der Plural „Lesetempi“ zwar korrekt, aber nicht besonders gebräuchlich zu sein scheint, geht es heute also um Lese“geschwindigkeiten“ und die Frage, warum man für manche Bücher länger braucht als für andere.
Es ist mehr als zehn Tage her, dass ich meine letzte Rezension veröffentlicht habe. Das hat seinen Grund, denn ich stecke fest. In dem Roman „Die Instrumente des Herrn Jørgensen“ von Richard David Precht und Georg Jonathan Precht.

„Die Instrumente des Herrn Jørgensen“ ist kein schlechtes Buch. Es spricht sogar einiges dafür, dass es das beste Buch ist, das ich in den letzten Wochen gelesen habe. Der Roman hat einen sehr charmanten Anfang:

Die Hauptfigur, der Kriminalassistent Ansgar Jørgensen, ist sympathisch, die malerische dänische Insel Lilleø bildet eine schöne Kulisse für die Handlung, und da der Kriminalassistent es sich in den Kopf gesetzt hat, ein Verbrechen aufzuklären, kommt bald Spannung auf. Trotzdem hänge ich seit zehn Tagen in diesem Buch fest und habe gerade einmal die Hälfte gelesen. „Eisblut“ habe ich innerhalb von zwei Abenden gelesen, für „Tiger, Tiger“ brauchte ich ein Wochenende, und das Machwerk „Untreue“ von Paulo Coelho habe ich innerhalb eines Nachmittags nicht nur gelesen, sondern auch in einer Rezension besprochen. Insofern rühme ich mich selbst, mitunter eine schnelle Leserin zu sein.

Im aktuellen Fall ist das anders. Ich denke, es hängt damit zusammen, dass in dem Buch viele schöne Beschreibungen vorkommen. Dadurch sind manche Kapitel eher handlungsarm. Weil die Beschreibungen aber sprachlich sehr schön umgesetzt sind, muss man als Leser an diesen Stellen etwas verweilen, um den Text auf sich wirken zu lassen – anders z.B. als bei spannungsgeladenen, handlungsgetriebenen Textpassagen, in denen das Auge schnell von einem Verb zum nächsten springt.

Hinzu kommt, dass die handelnde Person häufig wechselt und dass es viele Szenen gibt, in denen geschildert wird, was eine der Personen sieht oder denkt. An solchen Stellen musste ich häufiger mal zurückgehen und einen Absatz erneut lesen, weil ich mich fragte: „Moment mal, um wen geht es jetzt gerade?“

Das Geheimnis, das der Protagonist zu enträtseln hat, wird ganz allmählich in die Handlung eingeführt. Es gibt Andeutungen der Insulaner und Spekulationen seinerseits, aber bis klar wird, welche Frage es überhaupt zu lösen gilt, dauert es recht lange. Dadurch baut sich die Spannung erst nach und nach auf. Hinzu kommt, dass – zumindest bisher – keine konkrete Bedrohung von dem Geheimnis ausgeht, sodass es außer der Neugierde des Protagonisten keine Motivation gibt, den Fall aufzuklären. Bisher hat keine der Figuren etwas zu verlieren.

Die Instrumente des Herrn Jørgensen“ ist kein Buch, das man einfach so „weglesen“ kann. Ich würde es jedem empfehlen, der gerade ein bis zwei Wochen Zeit hat. Jedem, der in absehbarer Zeit andere Lektüre zu bewältigen hat, kann ich nur abraten – Vorsicht, sonst bleibt ihr stecken! 🙂

Wie ist es bei euch – welche Bücher lest ihr schneller und welche langsamer? Und kennt ihr dieses Gefühl, bei der Lektüre festzustecken?

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Ein Gedanke zu “„Ich stecke fest!“ – Über unterschiedliche Lesegeschwindigkeiten

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