Papier ist geduldig…

…oder: Vier Gründe, warum Stift und Papier auch heute noch gute Werkzeuge für Autoren sind.
Sicher, es ist in vielen Situationen praktisch, mit Laptop oder Tablet-PC lostippen zu können. Und die inzwischen erhältliche Schreibsoftware kann einem die Arbeit deutlich erleichtern. Dennoch gibt es Momente, in denen handschriftliche Notizen unersetzlich sind.

  • In der frühen Planungsphase eines Romans: Wenn die allerersten Ideen auftauchen, haben sie häufig noch etwas ganz Flüchtiges, Zaghaftes. Ich persönlich finde Nichts schlimmer, als diese Gedankenspuren bereits in die Tastatur hacken zu müssen. Und dann steht da zum Beispiel „Irgendwas muss mit ihrer Mutter passieren“, oder „X sollte irgendwie an materielle Grenzen stoßen“. Das sieht albern aus und entmutigt mich eher. Stift und Papier habe ich schon immer zum Herumkritzeln und Sammeln von Ideen verwendet. Diese altmodische Form der Speicherung sagt ganz klar: Ja, das hier ist vorläufig – aber es ist nicht schlimm.
  • Wenn man mit der Hand schreibt, nimmt man den Klang von Worten und die Assoziationen, die mit ihnen verknüpft sind, stärker wahr und lässt das Geschriebene intensiver auf sich wirken. Beim Lesen von gedruckten bzw. auf dem Bildschirm sichtbaren Worten neigt man eher dazu, die Buchstaben direkt mit der gespeicherten Bedeutung zu verknüpfen und Textstellen zu überfliegen, ohne die Worte innerlich nachhallen zu lassen. Dabei ist es gerade am Anfang so wichtig, innere Bilder zu finden.
  • Träume können eine großartige Quelle der Inspiration sein. Ich habe häufig sehr lebhafte Träume, die eine bestimmte Stimmung vermitteln oder mich auf Ideen für eine Romanhandlung bringen. Um so etwas festhalten zu können, habe ich mein Schreibzeug am Bett stehen. Schnell ein paar Sätze hingekritzelt und gut ist – wenn ich dagegen um drei Uhr morgens meinen Laptop hervorholen, hochfahren und munter in die Tasten hauen würde, würde mich das nicht nur deutlich mehr Nachtschlaf kosten, sondern auch bei meinem Partner für Irritation sorgen.
  • Schreiben in der Öffentlichkeit: Meine Erfahrung ist, dass die Menschen einen eher in Ruhe lassen, wenn man in ein Heft schreibt, als wenn man versucht, mit dem Laptop schnell ein paar Schreibminuten dazwischen zu quetschen. Ein Laptop veranlasst Freunde, Verwandte und Fremde im Wartezimmer zu Reaktionen wie „Musst du schon wieder arbeiten?“, „Ständig kaufst du dir Sachen im Internet“ und „Dürfte ich auch einmal kurz meine E-Mails abrufen?“ Ein kleines Schreibheft oder Notizbuch weckt evtl. eher die Assoziation, es könnte sich um ein Tagebuch, einen Regelkalender oder sonst irgendetwas Intimes handeln.

Tipps für das Schreiben mit der Hand

Auch wenn ich meine Kurzgeschichten und Romane natürlich mit dem Computer schreibe und dabei auf verschiedene Hilfsmittel zurückgreife (die ich bei Gelegenheit in einem gesonderten Beitrag vorstellen werde), sind mein Notizbuch und mein Füller trotzdem unentbehrlich. Die besten Erfahrungen habe ich mit den folgenden Vorgehensweisen gemacht:

  • Das Schreibheft immer griffbereit haben – in der Bahn, beim Joggen, in der Bibliothek, beim Schlafen. So wird das Schreiben zwischendurch zur Routine.
  • Das Geschriebene regelmäßig einscannen, abfotografieren oder kopieren. Falls das Heft verloren geht, sind die Ideen nicht weg.
  • Um die Ideen weiter auszuarbeiten, nehme ich ein kleinformatiges Notizbuch auseinander, wenn es voll ist. Die Seiten klebe ich dann einzeln auf die Seiten eines größeren Notizbuchs. So kann ich Anmerkungen und weitere Ideen mit Pfeilen direkt daneben schreiben.
  • Ideen, die mir nicht mehr gefallen, werden nicht durchgestrichen, sondern eingeklammert; dazu schreibe ich einen kleinen Kommentar, was gegen diese Idee spricht. Manchmal stellt sich später heraus, dass solche Hinderungsgründe ganz einfach zu umgehen sind, und ich kann die Idee dann doch noch umsetzen.

Was sind eure Erfahrungen? Schreibt ihr ausschließlich am PC, oder auch mal mit der Hand?

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8 Gedanken zu “Papier ist geduldig…

  1. Schöner Beitrag!
    Ich selbst schreibe keine Belletristik, sondern bin Texterin und Ghostwriterin. Außerdem habe ich Fachbücher bzw. -texte veröffentlicht. Wissenschaftliches Schreiben habe ich mir schon im Studium am Laptop angewöhnt; und es geht bei mir ja nicht nur um die Manuskriptphase an sich: Beim Recherchieren muss ich auch so einiges an Sekundärtexten und Zitaten in die Tasten hauen. Daher findet die Arbeit bei mir am Laptop statt. Allerdings habe ich auch immer ein unliniertes Notizbuch samt Stift dabei: weil die besten Ideen kommen, wenn ich an der Straßenbahnhaltestelle stehe, gerade Kaffeepause mache oder anderswo unterwegs bin … Das Ganze ins Smartphone zu tippen, ist ganz und gar nicht mein Ding 😉

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    1. Danke für deinen Kommentar! Ich sehe das ähnlich, beim wissenschaftlichen Schreiben macht man sich unnötig Arbeit, wenn man viel mit der Hand schreibt – am PC klappt es wohl am besten, den Überblick über Zitate und Quellen zu behalten. Für spontane Ideen gewappnet zu sein, ist natürlich trotzdem wichtig… 😉

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  2. Werte Helene,
    Papier hat den Vorzug der SINNLICHKEIT und das handschriftliche Schreiben hat einfach einen anderen SCHWUNG … Für spontane Ideen, Inspirationen, Musenküsse und „Textdiktate“ aus dem Traum bevorzuge ich Bleistift oder Tintenfüller auf Papier.
    Zum Überarbeiten oder für spezielle Formatierungen sind wiederum die Bequemlichkeiten eines guten Textverarbeitungsprogramms sehr erfreulich.
    Den „selbstlosen“ Zustand, in dem nicht ICH schreibe, sondern, in dem das Schreiben schreibt, erlebe ich häufiger beim handschriftlichen TUN und seltener beim TIPPEN auf der Rechnertastatur.

    Zufällig habe ich kürzlich eine Rezension zu einem Sachbuch von Erik Orsenna „Auf der Spur des Papiers“ geschrieben. Falls Dich diese LIEBESERKLÄRUNG ans Papier interessiert, lasse ich Dir meinen Rezensionslink hier:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/06/17/auf-der-spur-des-papiers/

    Sonnenuntergängliche Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

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    1. Liebe Ulrike,
      den Zustand, in dem „das Schreiben schreibt“, kenne ich auch eher vom Schreiben mit der Hand. Das hast du sehr schön beschrieben. Das Sachbuch klingt interessant, meine Leseliste wird länger…
      Viele Grüße
      Helene

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      1. Liebe Helene,
        ich dachte ich mir schon, daß wir uns darin einig sind.
        Das Schicksal mit der Verlängerung Deiner Leseliste ins Unendliche teilst Du mit allen „meinen“ GEFOLGSAMEN Blogabonnenten – das wirst Du ja ab heute selbst erleseleben …
        Gutenachtgruß
        Ulrike

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  3. Es gab in der „ZEIT“ vom 9. Juli (Nr. 28/2015) übrigens ein sehr schönes Interview mit Cornelia Funke. Da geht es nicht nur darum, dass Handschrift Kreativität fördert und überlieferte handschriftliche Künstler-/Schriftstellernotizen ganz wesentlich für unsere Kulturgeschichte sind: Cornelia Funke beschreibt auch ihre eigenen Arbeitsstrukturen und die Vorteile von Notizbuch und Stift. Online unter http://www.zeit.de/2015/28/schreibschrift-schule-abschaffung-cornelia-funke.

    Damit viele Grüße,
    Sandra

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