Hamburger Lokalkolorit: „Eisblut“ von Marina Heib

Häufig nerven mich Regionalkrimis, weil ich oft den Eindruck hatte, dass die Schauplätze allzu gezwungen in die Handlung hineingepresst wurden und die Schilderungen lokaler Besonderheiten nicht authentisch wirken. Daher war ich besonders gespannt auf diesen Thriller, der in meiner Heimat- und Studienstadt Hamburg spielt.

Vorweg ein paar Worte zur Handlung: Auf einem Recyclinghof in Hamburg wird die Leiche der Studentin Uta Berger gefunden. Ihre Verletzungen deuten darauf hin, dass sie vor ihrem Tod grausam gefoltert wurde. Bald darauf wird ein Obdachloser mit ähnlichen Verletzungen gefunden. Ein Team von Sonderermittlern untersucht die Fälle und wird dabei von der Psychologin Anna Maybach unterstützt. Eine Spur führt in den Nahen Osten, aber auch ein Kommilitone der toten Studentin wirkt verdächtig… Es handelt sich um den Nachfolgeband von „Weißes Licht“, man versteht das Buch aber auch, ohne den Vorgänger zu kennen.

Ermittlungen im Grindelviertel, in der Schanze und auf dem Kiez

Mir hat gut gefallen, dass die Schauplätze sich organisch in die Handlung einfügen. Durch beiläufige Schilderungen wird authentische Hamburg-Atmosphäre erzeugt. Wer sich in der Stadt auskennt, wird viele Details wiedererkennen. Besonders die Szenen in und an der Uni fand ich sehr gelungen. Ebenfalls geschickt fand ich die Verdachtsmomente, durch die der Leser auf unterschiedliche Fährten gelockt wird, und die Auflösung (die ich lieber nicht verrate).

Es menschelt

Grundsätzlich finde ich es unterhaltsam, wenn auch ein paar Einblicke in das Privatleben der Ermittler gewährt werden. Auch dass in dem Buch geschildert wird, wie Anna, die Psychologin, immer noch unter dem Trauma leidet, dass sie bei den Ereignissen im vorigen Band davongetragen hat, kommt mir plausibel vor. Allzu oft stößt man in Thrillern auf diese „unkaputtbaren“ Ermittler, die gefesselt, gefoltert und nur mit knapper Not gerettet werde – nur um danach wieder aufzustehen, sich die Hände zu reiben und zu sagen: „Geil, das hat so viel Spaß gemacht, da lege ich doch gleich wieder los und jage den nächsten Psychopathen!“ Insofern habe ich es als angenehm realistisch wahrgenommen, dass in „Eisblut“ auch einmal darauf eingegangen wird, welche Folgen solche Ereignisse in der wirklichen Welt für die meisten Leute hätten.

Die Schilderungen der amourösen Verwicklungen zwischen den Ermittlern waren mir allerdings etwas zu viel. Das ist natürlich Geschmackssache, bestimmt gibt es auch Leser, die da gerne etwas „mitschmachten“. Als erwachsene, in einer stabilen Beziehung befindliche Leserin dachte ich das eine oder andere Mal: „Leuuuute, kriegt es mal auf die Reihe – entweder ihr mögt euch, oder ihr lasst es! So schwierig ist das nicht!“

Über ein paar Kleinigkeiten bin ich beim Lesen gestolpert, z. B.

  • S. 101, unteres Viertel: „Sie verließ die Typen einen nach dem anderen, und erst als ein attraktiver schwedischer Architektur-Austauschstudent namens Mikael ihr zutiefst verletzt eine panische Angst vor Nähe bescheinigte und den Kontakt rigoros und für alle Zeiten zu ihr abbrach, hielt sie verletzt inne in ihrem Treiben und dachte nach.“ – Hier ist mir die Wortwiederholung von „verletzt“ unangenehm aufgefallen, außerden sind sechs Adjektive in einem Satz meiner Meinung nach etwas zuviel des Guten. Auch inhaltlich doppelt sich manches, und die Reihenfolge der Worte ist aus meiner Sicht nicht optimal (z.B. „und den Kontakt rigoros und für alle Zeiten zu ihr abbrach“ – besser wäre „und den Kontakt zu ihr für alle Zeiten abbrach“) Also bei aller Sympathie für dieses Buch: Dieser Satz ist nix.
  • S. 111, unteres Viertel: „Kouros Mossadeqh, der Persisch-Dozent, könnte man als echten Gutmenschen bezeichnen.“ – Richtig wäre: „(…), den Persisch-Dozenten“
  • S. 116, ebenfalls unten: Es geht hier um die Frage, ob die Studentin Uta, als sie ermordet wurde, mit ihrem Liebhaber verabredet war. Antwort der Rechtsmedizinerin: „Nein, war sie nicht. Sonst hätte sie ihren Buko, den Beischlafutensilienkoffer, nicht dabeigehabt.“ – Hier hätte das „nicht“ gestrichen werden müssen. Denn die Studentin hatte den fraglichen Koffer eben nicht bei sich, er wurde in ihrer WG gefunden, und die Rechtsmedizinerin will nun ihrer Überzeugung Ausdruck verleihen, dass Uta den Koffer doch sicherlich dabeigehabt hätte, wenn sie zu einem Stelldichein unterwegs gewesen wäre.
  • S. 202, Mitte: „Stockend erzählte Lars, wie ihm einer seiner Kollegen bei Aribus hinter vorgehaltener Hand und unter dem Siegel der Verschwiegenheit auf das Foto seiner Schwester in der Zeitung angesprochen hatte.“ – Richtig wäre hier: „wie ihn einer seiner Kollegen (…) angesprochen hatte.“

Fazit

Insgesamt ein spannender Thriller, der besonders Hamburg-Fans gefallen dürfte. Die amourösen Verwicklungen hätte ich nicht unbedingt haben müssen, und ein paar sprachliche Ungenauigkeiten waren für mich störend; die Spannung war aber groß genug, dass ich trotzdem gerne weitergelesen habe, und die Hamburg-Bezüge sind charmant.

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2 Gedanken zu “Hamburger Lokalkolorit: „Eisblut“ von Marina Heib

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