Die Geschichte einer Familie in Südafrika: „Meine Schwester Sara“ von Ruth Weiss

Bei diesem Roman habe ich erst gezögert, weil ich das Cover ziemlich kitschig und altmodisch fand. Der Klappentext hat mich dann aber neugierig gemacht. Es geht um eine Burenfamilie, die kurz nach dem 2. Weltkrieg ein deutsches Waisenkind adoptiert. Die Familie ist nationalistisch eingestellt und unterstützt das Apartheidsregime, aus diesem Grund hat sie auch mit den Ideen der Nazis sympathisiert. Als das Kleinkind (wie bestellt: blond und blauäugig) eintrifft, sind zuerst alle begeistert. Nach ein paar Monaten stellt sich aber heraus, dass Sara in Wirklichkeit Jüdin ist. Der Vater, der das Kind bisher sehr liebevoll behandelt hat, entzieht ihr sofort die Zuneigung – ohne jemals zu erklären, warum.

Die anderen Geschwister spüren die Ablehnung des Vaters und ärgern und quälen das kleine Mädchen. Nur der älteste Bruder Jo und die Mutter halten weiterhin zu Sara. Die fragt sich während ihrer Kindheit und Jugend immer wieder, was sie falsch gemacht haben könnte und womit sie die Kälte und Ablehnung ihres Adoptivvaters verdient hat. Als Jugendliche knüpft sie Kontakte zu liberal eingestellten Aktivisten und engagiert sich politisch für die Rechte der Schwarzen. Da das Apartheidsregime Widerständige erbarmungslos verfolgt, gerät sie bald in Gefahr…

Verstrickungen in der Familie

An dem Buch hat mir sehr gefallen, wie die Beziehungen und Konflikte in der Familie dargestellt werden. Die Gefühle der Figuren werden anhand ihres Verhaltens in alltäglichen Situationen deutlich. Zudem fand ich interessant, historische Entwicklungen in Südafrika anhand ihrer Auswirkungen auf eine einzelne Familie über Jahre hinweg miterleben zu können. Dass Sara, die ohne erkennbaren Grund in ihrer Kindheit ausgegrenzt wurde und weniger Rechte hatte als ihre Geschwister, sich später für die entrechtete schwarze Bevölkerung einsetzt, ist psychologisch gut nachvollziehbar.

Ein Kunstgriff bei der Wahl des Erzählers

Der Ich-Erzähler ist Saras ältester Bruder Jo, der inzwischen ein alter Mann ist und alleine mit einer Haushälterin auf einem der Familienanwesen lebt. Er findet ein Familienfoto, auf dem auch Sara abgebildet ist, und lässt daraufhin die ganze Geschichte Revue passieren.

Grundsätzlich fand ich die Idee sehr gut, dass der große Bruder als Erzähler fungiert. Wenn Sara selbst die Erzählerin wäre, würden viele ihrer Taten nach Eigenlob riechen, und man würde als Leser kaum begreifen, wie fortschrittlich ihre politischen Überzeugungen sind. Der große Bruder ist über weite Teile der Handlung hinweg ein Anhänger der reaktionären Ideen seines Vaters. Dementsprechend erzählt er mit naiver Empörung von den ungeheuerlichen Taten seiner Schwester. Dadurch konnte ich mich beim Lesen gut in die damalige Zeit versetzen.

Einige Längen in der Rahmenerzählung

Nervig war allerdings, dass der Rahmenerzählung unverhältnismäßig viel Raum gegeben wird, gemessen daran, dass auf dieser Zeitebene kaum etwas passiert. Es ist halt ein alter Mann – er trinkt Tee, sortiert alte Briefe, wankt durchs Haus, hat irgendwelche Schmerzen und Krankheiten. Nach ein, zwei Seiten hat man es dann auch verstanden. Die Schilderungen aus der Vergangenheit waren im Vergleich deutlich spannender.

Fazit

Insgesamt ein empfehlenswertes Buch für alle, die Familiengeschichten mögen und sich mit der Geschichte Südafrikas beschäftigen möchten. Die paar Längen in der Rahmenerzählung kann man ja überfliegen…

Das gleiche Buch gelesen, aber anderer Meinung? Sagt mir gerne Bescheid und ich verlinke eure Rezensionen.

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