Puh, ein schwieriges Buch: „Tiger, Tiger“ von Margaux Fragoso

IMG_20150612_214313Dieses Buch hat mich sehr zwiespältig zurückgelassen. Es handelt von einem siebenjährigen Mädchen, das von einem 40 Jahre älteren Mann missbraucht wird. Allerdings erzählt die Autorin das nicht als Geschichte eines Verbrechens, sondern als schwierige Liebesgeschichte. Der pädophile Täter wird mit viel Sympathie beschrieben. Voller Wärme wird geschildert, was er alles für das Mädchen getan hat. Darf man das?

Der Roman als Stimme eines Opfers

Die Einordnung dieses Buches ist etwas schwierig. Es wird in der deutschen Übersetzung als Roman bezeichnet und war dementsprechend in der Bibliothek auch als Roman einsortiert. Allerdings wird im Prolog erklärt, die Autorin habe das Buch über ihre eigenen Erfahrungen geschrieben. Die Hauptfigur trägt ihren Namen. Hinterher habe ich herausgefunden, dass das englische Original als „Memoir“ vermarktet wurde. Ich kann nicht nachvollziehen, warum man nicht im Deutschen „Autobiografie“ oder zumindet „Nach einer wahren Geschichte“ als Untertitel gewählt hat.

Dass der im Buch geschilderte Missbrauch der Autorin selbst widerfahren ist, hat bei mir eine Reihe von Überlegungen ausgelöst. Zunächst zur inhaltlichen Ebene: Unter den gegebenen Umständen denke ich, ist die Autorin die einzige, die diese Geschichte in der Form erzählen „darf“. Niemand sonst hätte das Recht, irgendeine Deutung zu versuchen oder Entschuldigungen und Erklärungen für das Verhalten des Täters zu finden. Als Opfer ist sie schließlich diejenige, die verzeihen kann, wenn so etwas überhaupt möglich ist. Zudem muss man hervorheben, welchen Mut es erfordert, mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

Nur wenn die Welt lautlos ist, wird sie unerträglich. – Margaux Fragoso in „Tiger, Tiger“, S. 334

Dass der Täter so menschlich geschildert wird und die Autorin immer wieder zeigt, was sie ihm alles zu verdanken hat, ist schwer auszuhalten. Ebenso die Tatsache, wie selbstkritisch die Autorin mit ihrem eigenen Verhalten als kleines Mädchen umgeht. Ich habe eine Rezension gelesen, in der dies als „ausgewogene Darstellung“ gelobt wurde. So kann man das natürlich sehen. Ich hatte beim Lesen aber eher den Eindruck, dass die Autorin hier immer noch die Perspektive des Täters vertritt, der ihr 14 Jahre lang eingeredet hat, sie sei an allem schuld.

In dem Buch werden mehrere Szenen beschrieben, in denen die heranwachsende Margaux sich selbst vor Unbeteiligten entblößt und demütigt. Ich kann nur hoffen, dass die Autorin als erwachsene Frau dieses Buch mit den teilweise fast pornografisch anmutenden, detaillierten Missbrauchsszenen nicht aus einem ähnlichen selbstschädigenden Impuls heraus veröffentlicht hat. Generell sehe ich die Gefahr, dass ein solches Buch von manchen Menschen gerade aufgrund der drastisch geschilderten Missbrauchserfahrungen gelesen wird.

Die Aufarbeitung fehlt

Mit Ausnahme des Prologs und des Nachworts wird das gesamte Buch aus der Perspektive des kleinen Mädchens erzählt. Die Manipulationen des Täters und bestimmte Muster und Mechanismen, die typisch für Missbrauch sind, schimmern zwar an einigen Stellen durch, doch die Autorin nimmt dazu keine Einordnung vor. Die Handlung des Buchs endet mit dem Selbstmord des Täters. Im Nachwort heißt es dann, beim Niederschreiben der Erinnerungen sei ihr vieles klargeworden. Ich hoffe, das Schreiben dieses Buchs war nicht die einzige Therapie, die sie hatte. Mich hätte interessiert, auf welche Weise die Autorin versucht hat, ihre Erfahrungen zu verarbeiten, was letztlich geholfen hat und wie sie einige Dinge rückblickend einschätzt. Dadurch, dass die Taten von einem Kind wahrgenommen und geschildert werden und im Buch selbst keine spürbare Aufarbeitung stattfindet, bleibt man als Leser recht verstört zurück. Andererseits kann ich auch nachvollziehen, dass Details zur Therapie und zur heutigen Leben der Autorin das Publikum nichts angehen.

Handwerklich leider nicht so gelungen

Was das Handwerkliche angeht, ist das Buch mit allen denkbaren Problemen behaftet, die bei autobiografischen Romanen auftreten können. Die Dialoge wirken hölzern – mag sein, dass die Leute das damals exakt so gesagt haben; lesenswert wird es dadurch nicht. Die Sätze wimmeln von überflüssigen Adjektiven, der Rekord waren einmal fünf Adjektive in einem einfachen Hauptsatz. Ich hatte den Eindruch, als wolle die Autorin durch möglichst detaillierte und adjektivlastige Beschreibungen die Authentizität des Erzählten erhöhen. Das ist gar nicht notwendig, die Geschichte ist aus meiner Sicht absolut glaubwürdig. Die vielen Adjektive lassen den Text streckenweise sehr verkitschen und sind mitunter irritierend gewählt. Auch über die verwendeten Vergleiche und Metaphern bin ich gestolpert, sie kamen mir sehr „gewollt“ vor.

Fazit

Insgesamt fand ich das Buch bedrückend, bin aber dennoch froh, es gelesen zu haben, weil es mich dazu gebracht hat, mir einige Gedanken zu machen. Allerdings würde ich Leuten, die psychisch gerade nicht 100%ig stabil sind, auf gar keinen Fall zu dieser Lektüre raten.

Das gleiche Buch gelesen, aber anderer Meinung? Sagt mir gerne Bescheid und ich verlinke eure Rezensionen.

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5 Gedanken zu “Puh, ein schwieriges Buch: „Tiger, Tiger“ von Margaux Fragoso

  1. Liebe Helene,
    darf ich als alternative Lektüre zum Thema Mißbrauch auf das sehr einfühlsame Jugendbuch von Beate Teresa Hanika „Rotkäppchen muss weinen“ hinweisen?
    Hier folgt der Link zu meiner Besprechung:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/26/rotkappchen-muss-weinen/
    Beate Teresa Hanika gelingt das Kunststück, dem Leser das Erleben des Mädchen sehr nahe zu bringen, ohne voyeuristisch zu sein.

    Auf Wiederlesen 🙂
    Ulrike von Leselebenszeichen

    Gefällt 1 Person

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