Typische Schwächen von Autobiografien und autobiografischen Romanen

IMG_20150612_214559Manche literarischen Formen liegen einem einfach nicht. Jetzt kann man die entsprechenden Textformen einfach bis ans Ende aller Tage meiden. Oder man ist so masochistisch wie ich, zieht sich eine Reihe von typischen Beispielen rein und überlegt, worauf die Abneigung beruht…

Fast alle Autobiografien und autobiografisch angelegten Romane, die ich bisher gelesen habe, krankten an zwei entscheidenden Punkten: Plot und Charakter.

Alles, was „plätschert“, ist kein vernünftiger Plot

Im Leben passieren viele Dinge einfach so hintereinander weg. Das ist auch vollkommen in Ordnung so, denn jeder von uns hat Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume, und wir handeln nicht immer logisch. In einem Roman habe ich als Leser aber die Erwartung, das Dinge aus einem bestimmten Grund passieren, und dass jede geschilderte Szene eine Funktion für das Ganze hat. In den meisten autobiografischen Romanen, die ich kenne, hat die Handlung keine klare Struktur, sondern plätschert mal mehr, mal weniger munter vor sich hin. Um auf Basis der eigenen Lebensgeschichte einen gelungenen Roman zu schreiben, müsste man in der Lage sein, das ganze „Gebäude“ der Ereignisse auseinanderzunehmen, nur die besten Steine herauszusuchen und aus denen nach einem guten Bauplan ein neues Haus zubauen. Das können die wenigsten.
(Wie so ein Bauplan entwickelt werden kann, ist im Buch „20 Master Plots and how to build them“ von Ronald B. Tobias sehr gut erklärt. Ich lese das Buch gerade zum zweiten Mal und werden demnächst eine Rezension dazu schreiben.)

Hinzu kommt das Problem mit der Plausibilität. Wirklich gute Romane sind so kunstvoll erdacht, dass sie nicht ausgedacht wirken. Es können verrückte und unvorhergesehene Sachen passieren, aber zumindest im Nachhinein will man verstehen, warum sich die Dinge so abgespielt haben könnten.

While many things are too strange to be believed, nothing is too strange to have happened. – Thomas Hardy

Im Leben klären sich manche Fragen nie auf. Und es gibt die unmöglichsten Zufälle. Wie oft sind mir schon Geschichten passiert, bei denen ich dachte: Wahnsinn, das glaubt mir keiner! Aufgeschrieben habe ich sowas aber nicht. Weil es klingen würde, als sei es schlecht ausgedacht.

Die Tücken der Charakterdarstellung

In seinem eigenen Leben ist jeder Mensch die Hauptfigur. Wunderbar. Das heißt aber nicht automatisch, dass derjenige auch eine gute Romanfigur wäre. Wir Menschen sind voller Widersprüche. Nicht jeder ist sympathisch. Einen Charakter so darzustellen, dass der Leser mit ihm mitfühlt, ist schwierig genug, wenn man den Charakter selber geschaffen hat. Es ist noch schwieriger, wenn der Charakter auf einem realen Vorbild basiert – und am schwierigsten ist es, wenn man selber dieser Charakter ist. Weil schon sehr viel Größe dazugehört, seine eigenen Schwächen und Fehler nicht nur einzugestehen, sondern auch nachvollziehbar zu beschreiben. Beschönigende Darstellungen und echte „Mary Sues“ kommen meiner Beobachtung nach häufiger in autobiografischen Romanen als in anderen Textsorten vor.

Ausnahmen

Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Spontan fällt mir zum Beispiel „Die Kirschen der Freiheit“ von Alfred Andersch ein – ein großartiger Roman, der in Teilen autobiografisch geprägt ist. Trotzdem gelingt es dem Autor, eine kritische Distanz zu wahren. Ebenfalls sehr gelungen fand ich Astrid Lindgrens autobiografische Texte.

Wie findet ihr autobiografische Romane? Habt ihr einen besonderen Lesetipp für mich, der mich von meiner Abneigung heilen könnte?

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7 Gedanken zu “Typische Schwächen von Autobiografien und autobiografischen Romanen

  1. Mein Lesetipp, obwohl ich mich jetzt etwas weit aus dem Fenster lehne zum Stichwort „auto-biografischer Roman“. Aber ich wage zu behaupten, dass Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“ einiges vom Innenleben der Autorin enthält. Ist alles andere als leichte Lektüre, aber sehr lesenswert und sehr, sehr gut: Es ist in erster Linie ein dramaturgisch durchkomponierter Roman – und keine autobiografische Selbstbespiegelung. Aber damit wären wir wohl wieder bei deinem Thema … 😉

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      1. Das freut mich, dass ich dich neugierig auf „Die Klavierspielerin“ machen konnte. Ich bin gespannt auf dein Urteil; vielleicht lese ich irgendwann mal eine Rezension von dir. Aber wie gesagt: Das ist kein Buch, das man zur Entspannung mit an den Strand nimmt …

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