Im goldenen Käfig mit einem abgelutschten Vulkan: „Untreue“ von Paulo Coelho

IMG_20150606_034932Das Cleverste an dem Buch ist wohl die Auswahl der Themen, die behandelt werden. Ehe, Alltag, das Gefühl, nicht das erreicht zu haben, was man sich einmal erträumt hat… Die Konstellation mit einer Frau, die zwischen zwei Männern steht, dürfte ebenfalls bei vielen Lesern Erinnerungen oder Fantasien wecken. Hinzu kommen mit Sex, Drogen und Heimlichkeiten einige Standard-Zutaten für einen spannenden Roman. Trotzdem war ich nicht begeistert. Woran lag das?

Worum geht es?

Eine kurze Zusammenfassung des Romans (Achtung, Spoileralarm):

Linda, eine 31-jährige Journalistin, Ehefrau und Mutter von zwei Kindern, wird von einer merkwürdigen Schwermut befallen. Sie meint, an Depressionen zu leiden, sucht auf verschiedene Arten Hilfe und beginnt eine Affäre mit einem verheirateten Politiker. Eine Zeit lang hegt sie die Fantasie, die Ehe des Politikers zu zerstören. Am Ende beendet sie die Affäre und bleibt bei ihrem Ehemann.

Eine nervige Protagonistin und blasse Nebenfiguren

Der Roman wird von Linda aus der Ich-Perspektive erzählt. Leider kommt Linda ziemlich nervig und dumm rüber. Eine Kunst wäre es gewesen, sie die Geschichte so erzählen zu lassen, dass der Leser Sympathie mit ihr empfindet und bei ihren Stimmungskapriolen und dümmlichen Aktionen mitfiebert. Ich persönlich habe Linda beim Lesen alles Schlechte gewünscht und z.B. gehofft, dass sie bei ihrem Drogendeal erwischt wird. Als Frau kam sie mir außerdem nicht authentisch vor. Sie wirkte wie ein alter Mann, der sich einige Frauenzeitschriften durchgelesen hat und sich nun ganz feste vorstellt, wie das wohl so ist, als Frau, mit 31. Was ja vermutlich auch ungefähr so gelaufen ist.

Die anderen Personen sind blasser Einheitsbrei: Von Lindas Mann weiß ich nur, dass er ziemlich reich ist, was sie ständig erwähnt, gerne garniert mit „Geld macht nicht glücklich“-Seufzern und Anspielungen in allen nur denkbaren Variationen. Am Anfang ist er ihr nicht verständnisvoll genug, in der Mitte ist er egal und am Ende darf er auf einmal ganz viel reden und verständnisvolle Sachen sagen. Lindas Kinder sind männlich und spielen die meiste Zeit an ihren Computern und Tablet-PCs. Sie beteuert hin und wieder, wie sehr sie diese herrlichen Söhne liebt, aber konkreter wird es nicht. Mann, Kinder, beste Freundin und Chef sind jeweils nur mit 1-2 Eigenschaften holzschnittartig dargestellt, sie haben nicht einmal Namen. Auf S. 274 heißt es dann plötzlich: „Einmal fragte ich Denise, eine Schweizer Wissenschaftlerin, was sie vom Jet d’eau halte.“ Seriously? Irgendeine egale Wissenschaftlerin, die nur an einer einzigen Stelle im Buch auftritt, bekommt einen Namen – die beste Freundin aber nicht?

Jetzt kann man sicherlich einwenden, dass dadurch die Depressionen der Protagonistin dargestellt werden könnten: Sie nimmt die Menschen, die ihr nahestehen, nicht mehr richtig wahr, kann sich nicht an ihnen freuen, fühlt sich, als sei sie nur noch von Schatten umgeben, etc. Mag sein, dass das die Absicht hinter dieser Konstruktion ist. Dann hätte man den Roman aber anders erzählen müssen, z. B. aus einer zweiten Perspektive oder mit einer weiteren Zeitebene, in der die Protagonistin etwas intakter ist und eine Bindung zwischen Figuren und Leser entstehen kann.

Talk, talk, talk

Einer der Grundsätze für gutes Schreiben lautet „Show, don’t tell“. Der Leitsatz dieses Werks scheint aber zu sein: „Talk, talk, talk (and if something happens, tell them later)“. Bis S. 30 passiert eigentlich nichts Relevantes. Auch danach gibt es lange Passagen im Buch, in denen die Protagonistin nur nachdenkt oder rückblickend irgendwelche Entwicklungen behauptet, deren Zeuge man nie werden durfte.

Ich habe mich sehr gelangweilt. Zwar gibt es einen Konflikt, aber wir bekommen beim Lesen zu selten gezeigt, wie sich dieser Konflikt auf das Handeln der Figuren auswirkt. Die langen Monologe der Protagonistin, in denen sie wieder und wieder die gleichen Aspekte ihres Konflikts betont, sind auch sprachlich anstrengend gestaltet: Über ganze Absätze hinweg wechseln sich rhetorische Fragen und pseudo-tiefgründige Antworten ab. Auch mit Wiederholungen geizt der Autor nicht. Ein Beispiel: Auf S. 35 verwöhnt die Protagonistin ihren Seitensprung, den Politiker Jacob, mit Oralsex. Dann geht sie nach Hause und schläft mit ihrem Mann. Die Sexszenen gehören zu den wenigen Stellen, wo es wirklich detailliert wird; jeder Leser, der einigermaßen bei Troste ist, erinnert sich daran. Auf S. 47 heißt es dann plötzlich: „Dafür spricht doch auch, dass ich gestern nach dem Oralsex mit Jacob abends beim Sex mit meinem Mann mehrere Orgasmen hatte?“ Mal abgesehen davon, dass dieser Satz sprachlich ein Ungetüm ist – ein Großteil dieser Informationen ist überflüssig! Wir waren ja alle dabei, als die Protagonistin sich erst mit Jacob und dann mit ihrem Mann vergnügt hat, und wissen daher, dass es sich um Oralsex handelte, dass der Akt mit ihrem Mann abends war u.s.w. Als Leser fühle ich mich nicht ernst genommen, wenn mir solche Dinge wieder und wieder vorgekaut werden.

Ab S. 221 wird es so richtig überflüssig. Die Protagonistin entdeckt auf einmal, dass sie ja zwei Seiten hat – eine ehrliche, pflichtbewusste und eine animalische, amoralische Seite. Na so was, sie führt zwar seit etwa 200 Seiten ein Doppelleben, aber trotzdem wäre uns das wohl gar nicht aufgefallen, wenn sie es nicht erwähnt hätte. Auf S. 227 heißt es: “ Ich durchlebe gerade äußerst komplizierte Zeiten.“ You don’t say! Da fasst man sich doch an den Kopf. Ich dachte nur: Das weiß ich!!! Seit Beginn des Romans erzählst du mir nichts anderes!

AmIMG_20150606_034903 Ende kommt die Protagonistin dann zu dem Schluss, wenn ein Mann wie ihrer, „der keine Schwierigkeiten haben würde, schon am Tag nach unserer Trennung eine neue Gefährtin zu finden, dennoch an meiner Seite bleiben will“… dann sei das wohl ein Zeichen dafür, dass sie etwas wert sei. Zack, Lebenskrise und Selbstzweifel bewältigt. Ich will jetzt nicht die Feminismus-Keule auspacken, aber diese Prämisse gefällt mir nicht.

Übersetzung und Lektorat: Mehr wäre hier mehr gewesen…

Einige Vergleiche und Metaphern waren ordentlich abgegriffen. Da meint die Protagonistin, dass sie in ihrer Einsamkeit „wie in einem Brunnen“ ertrinken müsse oder in dem altbekannten „goldenen Käfig“ lebt. Gleich im nächsten Satz will sie dann die „Scherben“ ihrer Existenz wieder zusammenfügen (S. 252). Außerdem begibt sie sich „auf unbekanntes Terrain und auf hohe See“ – im selben Satz (S. 67). Erschwerend kommt hinzu, dass sich in ihrem Inneren ein „Vulkan“ befindet, der „offenbar ausgebrochen“ ist (haha). Leider fehlen mir die Sprachkenntnisse, sodass ich das Buch nicht im Original lesen kann, um zu überprüfen, ob in der Ausgangssprache auch solche abgelutschten Phrasen vorkommen. Aber wie üblich in solchen Fällen verdächtige ich erst einmal die Übersetzerin, für das Wortgerümpel verantwortlich zu sein.

Mir sind in diesem Buch zahlreiche holprige Formulierungen und einige Fehler aufgefallen. Bei einem Buch, das in einem bekannten Verlag erscheint und immerhin 19,90 Euro kostet, sollte das meiner Meinung nach nicht passieren. Beispiel: Gleich auf der ersten Seite sagt die Protagonistin über ihre Söhne: „Morgens mache ihnen das Frühstück und bringe sie dann zur Schule“. Ein flottes Subjekt hätte diesem Satz sicher nicht geschadet. Auf S. 158-159 heißt es: „Es handelt sich um eine Installation mit dem Namen Passage 2000, eine aus zehn Bahnschranken mit roten Lichtern geformten ‚visuellen Musik'“. (richtig wäre hier „geformte visuelle“). Auf S. 171 zitiert die Protagonistin eine Ärztin, die zu ihr gesagt haben soll, dass ihr Sexualtrieb „‚in der medizinischen Literatur hinlänglich bekannte hormonelle Störungen‘ hervorriefe“. Mal abgesehen davon, dass ich es als ermüdend empfunden habe, wie in dem Buch weite Teile der Dialoge in indirekter Rede wiedergegeben wurden: Ihr Sexualtrieb ruft hormonelle Störungen hervor? Wohl eher umgekehrt, hormonelle Störungen rufen Veränderungen des Sexualverhaltens hervor.

Und sonst so?

Der Leser lernt fürs Leben:

  • Im Urlaub sollte man keine Fotos machen, sondern lieber genießen (S. 299-300).
  • Bei einem Gleitschirmflug kann man schier endlos innere Zwiesprache mit Raubvögeln halten (S. 302-305)
  • Die Schweizer sind alle gleich, und niemand mag sie. Nicht einmal die Schweizer selbst.
  • Nach einem Seitensprung immer duschen und einen frischen Schlüpfer anziehen. Das ist ein cleverer Ratschlag; merkwürdig nur, dass er von einer Figur stammt, über die kurz vorher erzählt wurde, wie sie Vaseline statt Gleitgel zu einem Kondom verwendet.

Die Art, wie in dem Roman Binsenweisheiten, vermeintlich nützliches Wissen, Klischees und Absurditäten in dem gleichen belehrenden Ton wiedergegeben werden, habe ich als nervig empfunden. Ich hatte den Eindruck, dass der Autor zu all diesen Themen unbedingt noch etwas gesagt haben wollte, ohne zu selektieren, ob dieser Aspekt für die Handlung von Bedeutung ist. Dies gipfelte darin, dass in dem Buch aus heiterem Himmel merkwürdige Aufzählungen auftauchen, die sich lesen, als seien sie aus Frauenzeitschriften entnommen, z.B. ein Konglomerat, das unter dem Titel „woran merkt man, dass Routine in der Ehe eingekehrt ist“ stehen könnte (S. 149) oder eine Liste von etwas hemdsärmeligen Herangehensweisen an depressive Verstimmungen („In den Himmel hinaufblicken. Eiskaltes Mineralwasser trinken. Kochen. Zweimal am Tag duschen“, S. 115).

Fazit

Thematisch sicher für viele Leser interessant, in der Umsetzung leider mit einigen Mängeln behaftet. Ich würde es nicht noch einmal lesen. Es wandert auf den nächsten Flohmarkt, oder vielleicht mache ich bald eine Verlosung mit einigen Büchern.

Das gleiche Buch gelesen, aber anderer Meinung? Sagt mir gerne Bescheid und ich verlinke eure Rezensionen.

Andere Meinungen zu diesem Roman:

  • Bibliofeles fand das Buch fesselnd und konnte die Lage der Protagonistin nachvollziehen. Allerdings räumt auch sie ein, dass Lindas Handlungen im Mittelteil des Buchs einem „Herumtaumeln“ ähneln…
  • BücherKaffee lobt den Roman und meint, dass er alle Bereiche einer Ehe behandelt und viele Fragen aufwirft, die nachdenklich machen.
  • Stefanie Rufle kritisiert auf Booksection, dass die erotischen Szenen nicht unbedingt zielgruppengerecht sind und dass die Kernaussage des Romans nur bedingt nachvollziehbar ist. Außerdem hatte sie auch den Eindruck, dass Coelho dem Leser seine Gedanken über den „wahren“ Sinn von Untreue darlegen will, was die Handlung teilweise überlagert.
  • Evelyn von Books in my World lobt, dass der Autor sich sehr gut in das Innenleben einer 31-jährigen Frau versetzen könne (immer wieder interessant, wie unterschiedlich man das wahrnimmt!) Aber auch sie findet, dass die Auflösung am Ende unglaubwürdig ist und dass die zweite Hälfte des Romans mit ihren spirituellen und moralisierenden Ansätzen etwas überladen daherkommt.
  • Tobi kritisiert auf lesestunden.de u.a. die klischeehafte Darstellung, den belehrenden Tonfall und die indirekten Dialoge.
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2 Gedanken zu “Im goldenen Käfig mit einem abgelutschten Vulkan: „Untreue“ von Paulo Coelho

  1. Liebe Helene,

    erst nach der Lektüre habe ich mal in Lovelybooks so die Bewertungen gelesen und festgestellt, dass es vielen so geht wie mir. Also ich glaube wir haben da den gleichen Eindruck von diesem Buch und das finde ich sehr tröstend und sagt mir, dass es eigentlich nicht an mir liegen kann. Wie man dieses Buch empfehlen, oder Linda als realistische Vertreterin einer Frau um die 30 darin finden kann ist mir schon ein Rätsel. Aber so ist es bei Bücher oft, es liegt eben auch immer im Auge des Betrachters bzw. Lesers.

    Liebe Grüße
    Tobi

    Gefällt 1 Person

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